Die Röhre hält die Experten auf Trab

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Weit über 10 000 Fahrzeuge rollen derzeit täglich durch den Scheibengipfeltunnel.  Foto: 

Geschafft: Der Scheibengipfeltunnel hat seine Einfahrphase, also die ersten vier Betriebswochen, ohne größere Malaisen überstanden. Er hat sich zwar mehrere Male kurzzeitig selbst gesperrt, ein Feuerwerk an Störmeldungen abgebrannt und die Autofahrer fast ununterbrochen auf Tempo 50 ausgebremst, anstatt ihnen 70 durchgehen zu lassen – aber alles in allem macht er einen guten Job. „Es gibt andere Tunnel, die mussten nach der Einweihung wieder für ein paar Wochen gesperrt werden“, weiß Projektleiter Norbert Heinzelmann. So einer ist der Scheibengipfel zum Glück nicht. Er kommt eher schwäbisch-fleißig daher und bewältigt schon jetzt weit über die Hälfte der Verkehrslast, für die er vorgesehen ist.

„Wir sind bei deutlich über 10 000 Fahrzeugen täglich“, verrät Heinzelmann. Nach den ersten Betriebstagen, in denen die Autofahrer offenbar noch Berührungsängste hatten, ist die Zahl der durchrollenden Gefährte nach zwei Wochen schon erheblich gewachsen. Und noch immer zeigt die Verkehrsentwicklungskurve linear nach oben – was keine Selbstverständlichkeit ist, angesichts dessen, dass der Tunnel von den meisten Navi-Anbietern noch immer nicht ins Programm aufgenommen wurde. „Da sind wir dran“, versichert der Projektleiter in Sachen Navigationssysteme. Gleichzeitig gibt er sich aber zurückhaltend, was konkrete Durchfahrts-Daten angeht. Denn die Verkehrszählschleifen arbeiten noch nicht mit 100-prozentiger Sicherheit. „Wir müssen sie erst anlernen und kalibrieren“, erklärt der Ingenieur vom Regierungspräsidium Tübingen. Um zu erforschen, wie exakt die Schleifen bereits zählen, sollte am Freitag eigentlich mit einem Mess-Gerät des Landkreises eine Art Faktencheck gemacht werden. Doch die zuständige Firma konnte den Verkehrszähler noch nicht bereit stellen, weshalb sich der Datenabgleich, der verlässliche Werte bringen soll, noch verzögert. Aufaddiert wird derweil nicht einfach so ins Blaue hinein. Die Schleifen unterscheiden zwischen acht Fahrzeugarten wie Autos mit und ohne Anhänger, Busse oder LKW. „Das ist keine simple Zählung“, so Heinzelmann, es ist eher eine Verkehrsanalyse, die abgeglichen wird mit den Werten, die das Landesamt für Umwelt in der Lederstraße – allerdings nur auf drei Fahrzeugarten unterteilt – ermittelt. „Wir werden später also wissen, wer wo hinfährt und wie die Verkehrsflüsse zusammenpassen“.

Apropos zusammenpassen: Was die Tunneltechnik angeht, lief bislang nicht immer alles perfekt. Mal war es eine klappernde Tür zu einem Quereinstieg, die regelmäßig die Geschwindigkeits-Reduktionen ausgelöst hat, mal hat die Röhre auf die Tempo-50-Bremse gedrückt, weil Personen in ihr unterwegs waren, dann wieder waren es Relais, die eine technische Störung meldeten, die es gar nicht gab: All das hat die Fachleute, die derzeit noch von 8 bis 17 Uhr im Betriebsgebäude zur Tunnel-Betreuung und zum Anlernen der Mitarbeiter der Straßenmeisterei abgestellt sind, auf Trab gehalten. Manche der Meldungen haben sich selbst  wieder gelöscht, weshalb die Röhre von sich aus wieder Tempo 70 ausgerufen hat, oft mussten die Alarme aber auch händisch aufgelöst werden.

Auch die Brandmeldeanlage kann  sich für ihren Job schon richtig erwärmen. „Weil ein Schalter einen Macken hatte, hat sie schon mehrmals auf Störung gestellt“. Die Folge: Der Tunnel hat sich jeweils für fünf bis zehn Minuten gesperrt. Immerhin, ist Heinzelmann erleichtert, „musste die Feuerwehr noch nicht ausrücken.“ Vielleicht jedoch wird die Polizei demnächst in der Röhre zu tun bekommen. Denn die Ingenieure, die das Innenleben der Ortsumgehung über 130 Kameras beobachten, glauben manchmal ihren Augen kaum trauen zu können. „Es gibt tatsächlich Autofahrer, die in die Pannenbuchten fahren und dann wenden“, berichtet Heinzelmann. Das ist ein absolutes No-Go. „Verboten ist das“, stellt er klar. „Wir wissen nicht, warum die Leute das tun, aber wir überlegen, das beim nächsten Mal bei der Polizei zu melden“. Solche Kuriositäten gibt es außerhalb der Röhre indes kaum. Da läuft der Verkehr am Südportal in Richtung Pfullingen und Reutlingen City bestens und selbst in Richtung B 28 und Sondelfingen gab’s bisher kaum Probleme. „Auch wenn die abknickende Vorfahrt zum Laisen hin gewöhnungsbedürftig ist“.

Eine Überraschung haben die Verkehrs-Experten für die Autofahrer allerdings noch in petto. Demnächst sperren sie den Ursulabergtunnel. Der muss dem Scheibengipfel dann selbstständig mitteilen, dass er die Fahrzeugströme in Richtung Pfullinger Marktstraße umleiten soll. Was bedeutet, dass der neue Tunnel seine Wechselwegweiser in Bewegung setzt, die Destinationen neu angibt und die Grünphasen der Ampeln an der Umleitungsstrecke verlängert, damit keine Staus entstehen.

Heinzelmann ist zuversichtlich, dass alles klappt. „Ich bin mir sicher, dass die Tunnel miteinander richtig kommunizieren. In denen sind so viele intelligente Dinge eingebaut“, kann er selbst kaum fassen, was so zwei Röhren alles zustande bringen können – zumindest im Optimalfall.

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