Die Nase immer am Boden

Drei Frischlinge machen seit Februar das Wildgehege auf der Eninger Weide unsicher. Während die Kleinen neugierig die Welt erkunden, hat ihre Mutter immer ein wachsames Auge auf den Nachwuchs.

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Der zweieinhalb Monate alte Nachwuchs hält die ganze Rotte auf Trab. Foto: Mareike Manzke

So nah wie im Wildgehege kommen Spaziergänger sonst nur selten an junge Wildschweinsprösslinge heran. Auf Wunsch gibt Eckhard Hennenlotter bei einer Führung Auskunft über dessen Bewohner. Die Anlage mit Rot- und Schwarzwild gehört zwar der Gemeinde und wird durch den Förster Herbert Hanner geführt, der gelernte Gartenbautechniker Hennenlotter füttert aber seit 40 Jahren regelmäßig ehrenamtlich am Wochenende und kennt die Tiere dementsprechend gut. Da sein Vater Förster gewesen sei, habe sich das so entwickelt, erklärt er.

"Wie bei uns ist die Frau der Chef", informiert er dann zum Beispiel. Und davon hat der Eninger Keiler gleich vier Stück. Angesichts dieses Harems, der sich auf rund drei Hektar wohl fühlen darf, ist Hennenlotter etwas enttäuscht über die "nur drei Frischlinge", die am 12. Februar das Licht der Welt erblickten. Schließlich könnte jede Bache zwischen einem und zehn Jungen bekommen und so die Rotte, also die Gruppe, vergrößern.

Vor der Geburt traf die Muttersau die Vorbereitungen für ihre Jungen. Sie baute ein Nest - Kessel in der Fachsprache genannt - aus Ästen, Laub und Stroh, damit ihre Jungen nach der Geburt vor Wind und Bodenfrost geschützt werden. Nach rund vier Monaten Rauschzeit, also Schwangerschaft, kam dann der Nachwuchs. Frischlinge kommen sehend und behaart zur Welt. Sie wiegen dabei zwischen 800 und 1100 Gramm. Mittlerweile bringen die Eninger Exemplare schon jeweils rund zehn Kilo auf die Waage, schätzt Hennenlotter. Ihr Geschlecht ist noch ihr kleines Geheimnis. Vom Futtergeber selbst bekommen sie zwar keine Namen, wohl aber von einigen Stammbesuchern, wie er zu berichten weiß.

Noch werden die Kleinen von der Mutter gesäugt, aber sie bedienen sich dennoch an den mitgebrachten Leckereien. Weizen, Heu, Rüben, Äpfel- oder Birnentrester sowie Eicheln und Kastanien stehen auf dem Speiseplan. Damit die Erwachsenen nicht alles wegfressen, werden sie separat in einem Gatter gefüttert, durch das die Bachen und der Keiler nicht hindurchpassen. "Sie sind so intelligent, dass sie erst bei den Großen mitessen und dann ins Gatter reingehen", schmunzelt Hennenlotter. Außerdem haben die kleinen Wildferkel auch ständig ihre Nase auf der Suche nach Pflanzenteilen, Würmern und Pflanzenfrüchten am Boden.

"Das Füttern durch Besucher ist ein großes Problem", klagt Hennenlotter. Trotz Verbot überfütterten diese maßlos. Nach einem Wochenende mit 1500 Besuchern seien die Tiere "knallevoll", erzählt er. Eine Fettschicht von einem Zentimeter hat ein Wildschwein in freier Wildbahn, die Eninger Sauen weisen fünf Zentimeter auf. Übergewicht lautet daher die Diagnose.

Noch schwerer wiegt das Problem beim benachbarten Rotwild. Die Mägen des Rudels, das aus einem Hirsch und fünf Kühen besteht, sind wesentlich empfindlicher. Durch den Verzehr von frischem Brot oder vergammelten Speisen können diese verenden. Sogar Schokolade fanden die Mitarbeiter bereits in einem so vergifteten Tier. Übrigens ist beim Rotwild im Juni ebenfalls Nachwuchs zu erwarten.

"Ein guter Besucher ist rücksichtsvoll, hinterlässt keinen Müll und erfreut sich an den Viechern und der Natur", sagt der Gemeinderat. Einige hielten sich jedoch nicht an Spielregeln und warfen beispielsweise Scherben ins Gehege oder verursachten mutwillige Beschädigungen, führt er aus.

Auch wenn Wildschweine eigentlich eher nachtaktiv sind, lassen sich die Frischlinge oft tagsüber beim fröhlichen Grunzen, Spielen und ihren wilden Verfolgungsjagden beobachten.

Wenn es geregnet hat, gönnt sich die Rotte ein Wellnessbad in einer ihrer Suhlen. Das kühlt bei Hitze und hilft, Schädlinge loszuwerden. Falls einem der vielen Besucher schon die Anhänglichkeit einer der Bachen aufgefallen ist - dabei handelt es sich um eine ehemalige Handaufzucht, die immer noch die Nähe der Menschen sucht. Beim Betreten des Geländes zeigt sie sich aber aggressiv. "Ihre Definition von spielen ist nicht meine", stellt Hennenlotter fest.

Um solche Handaufzuchten zu vermeiden, wenn sie nicht dringend nötig sind, rät er dazu, scheinbar alleingelassene Frischlinge im Wald liegen zu lassen. Einpacken und mitnehmen sei das falscheste was man machen könne, verrät er. Sie würden von einer Sau wieder aufgenommen werden, selbst wenn diese nicht die Mutter sei.

Seit 1971 besteht das Wildgehege schon, teilweise auf dem Grund des alten Lagers St. Johann, in dem eine Wehrschule der SA und später ein Flüchtlingslager untergebracht waren. "Weitsichtig" sei die Entscheidung des damaligen Oberforstrates gewesen, bescheinigt Hennenlotter. Einerseits um den Müll im Wald an einem Fleck zu konzentrieren, andererseits um die Natur zu schonen und dem Wild Rückzugsgebiete zu erhalten. Und dann natürlich auch um eine Attraktion zu schaffen, zählt er auf.

Allerdings: "Das Wildgehe leidet unter Geldmangel", moniert er. Daher seien Wege, Zäune und Parkplätze etwas vernachlässigt, auch wenn der Förster im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten das Optimum heraushole. Hennenlotter spekuliert daher auf einen möglichen Zuschuss aus dem Biosphärentopf.

Info Wer eine rund anderthalbstündige Führung am Wildgehege erleben möchte, kann entweder persönlich bei Eckhard Hennenlotter oder im Eninger Rathaus anfragen.

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