Die Musiker, das Publikum – wonderful!

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Auf die Zukunft des Orchesters: Der neue Chefdirigent Fawzi Haimor (Mitte), OB Barbara Bosch, Intendant Cornelius Grube.  Foto: 

Eine neue Ära in der Orchestergeschichte? Montagabend hat sie begonnen. Da wählte der Stiftungsrat der Württembergischen Philharmonie Reutlingen einstimmig den 33-jährigen US-Amerikaner Fawzi Haimor zum neuen Chefdirigenten. Haimor war auch Favorit des Orchesters und der Intendanz. Kurz, es hat alles gestimmt. Und der frisch Gewählte sparte denn auch nicht mit Komplimenten an die Philharmonie – und das bereits in wohlgesetzten Worten in deutscher Sprache: Ein „wunderbares Orchester“ sei es, mit „exzellenten Musikern“. Die „Chemie“ in der Zusammenarbeit sei großartig, und er freue sich auf „spannende, hochklassige Konzerte“. Fawzi Haimor wird sein Amt als WPR-Chef in der Spielzeit 2017/18 antreten – als Nachfolger des Schweden Ola Rudner, der nach acht Jahren Abschied nahm.

Alle Beteiligten, erläuterte die Stiftungsratsvorsitzende OB Barbara Bosch nach der Wahl, haben sich sehr lange für diesen Entscheidungsprozess Zeit genommen. Und die „Erwartungen“ seien entsprechend hoch gewesen. Auf jeden Fall, so war der einhellige Wunsch, sollte der Neue „musikalische Impulse setzen“, das Orchester weiterentwickeln, neue Wege gehen und „das Publikum mitnehmen“.

Intendant Cornelius Grube skizzierte noch einmal das Verfahren: Die Suche begann in der Saison 2013/14, insgesamt 18 Bewerber wurden eingeladen, sieben kamen in die engere Auswahl, und mit vieren wurde letztlich verhandelt. Einer sei es am Ende gewesen, „der alle Kriterien erfüllt“. Und öffentlich zu hören, zu sehen und zu erleben war Fawzi Haimor bereits dieser Tage in der ausverkauften Stadthalle beim Sinfoniekonzert. Da wiederum, so Grube, sei bei Werken von Ravel, Strawinsky und Ginastera bereits Haimors Gespür für „Klangfarben“ deutlich geworden.

Wie auch immer, der 33-jährige Fawzi Haimor wird „der jüngste Chefdirigent“ in der Orchestergeschichte sein, sagt Grube. Und er bringt gerade in zwei wichtigen Bereichen – der Jugendarbeit und der Öffnung hin zu anderen Genres wie Rock, Jazz, Hip-Hop, Blues – nahezu ideale Voraussetzungen und vor allem viel, viel Erfahrung mit. Seine große Passion ist der „Education“-Bereich, sprich: die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Haimors Vertrag ist – statt der üblichen drei – auf vier Jahre ausgelegt. Der Grund: Man wollte unbedingt bis zur großen Jubiläumsspielzeit 2020/21 – da feiert die WPR 75. Geburtstag – eine kontinuierliche Arbeit ermöglichen.

Vierjahresvertrag

Geboren wurde Fawzi Haimor März 1983 in Chicago (siehe auch Info). Sein Vater ist libanesisch-jordanischer Herkunft, seine Mutter stammt von den Philippinen. Haimor ist Muslim und wuchs bis zum elften Lebensjahr zunächst in Saudi-Arabien auf, wo sein Vater bei der UN arbeitete. Vor diesem Hintergrund, so Haimor, werde er auch Musik aus diesem Teil der Welt hierher bringen wollen. 1994 siedelte die Familie dann in der San Francisco Bay Area an, wo er bis heute lebt. Haimor hat nicht nur Musik und später Dirigieren, sondern auch Neurobiologie studiert.

Bis er sich eines Tages – zwischen Arzt und Musiker – für Letzteres entschied. Was er bis heute nicht bereut hat. Im Gegenteil: Er kennt sich genau aus, wenn es darum geht, die Zusammenhänge zwischen Musik und Verstand, zwischen Tönen und Synapsen sozusagen, zu beschreiben. Musik, so Haimor, fördert das Gedächtnis, die Entscheidungskraft, die Leidenschaft, den ganzen Menschen. Und das Publikum hier habe er beim Sinfoniekonzert  dieser Tage schon ausgiebig zu schätzen gelernt. Die Konzertbesucher, so war sein Eindruck, seien sehr offen, „open minded“, auch ungewohnten Klängen gegenüber gewesen.  Ein schönes Kompliment.

Fawzi Haimor wurde 1983 in Chicago geboren und wuchs im Nahen Osten und im Raum San Francisco auf. Zugunsten seiner sich steil entwickelnden internationalen Karriere beendete er im letzten Jahr seinen Vertrag als Resident Conductor beim Pittsburgh Symphony Orchestra, wo er Konzerte mit großer programmatischer Bandbreite, unter anderem Klassik, Pop und Education, dirigiert hatte und angesehene Dirigenten wie Manfred Honeck, Leonard Slatkin, Gianandrea Noseda, Rafael Frühbeck de Burgos und Jan Pascal Tortelier vertrat.

Europa In den jüngsten Jahren debütierte Fawzi Haimor erfolgreich auch bei namhaften Orchestern Europas in Paris, London, Mailand und Köln. Fawzi Haimors Repertoire umfasst unter anderem Werke der deutschen Spätromantik sowie russische und amerikanische Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts. Er ist außerdem ein engagierter Verfechter zeitgenössischer Musik. Mit eloquenten Moderationen vom Dirigentenpult führt er auch unerfahrenes Publikum spannend und unterhaltsam an klassisches Repertoire heran. Fawzi Haimor absolvierte zunächst ein Violinstudium an der Jacobs School of Music der Indiana University. Dort studierte er auch Dirigieren. Nach Bachelor-Abschlüssen in Musik und Neurobiologie erwarb er Masterabschlüsse als Dirigent an der University of California-Davis und an der Indiana University. Als Assistant Conductor des Alabama Symphony gründete er das Alabama Symphony Jugendorchester und war dessen erster musikalischer Leiter. pr/op

Am Anfang waren es nur 30 Musiker, und durch die Lande tourte man im wackligen Holzgas-Lastwagen mit offener Pritsche. 1945 formierte sich unter dem Dirigenten Hans Grischkat das Schwäbische Symphonie-Orchester in Reutlingen. Die Geschichte des Orchesters, schrieb Fritz Abel später, mutet „wie etwas ganz Unwahrscheinliches an, diese Geschichte von Idealisten und Besessenen, Traumwandlern und Verwegenen, ‚Hungerleidern’ und Mäzenen, Zaghaften und Wegweisenden, kurz, eine Geschichte, die eines Dichters bedürfte, um das glaubhaft zu machen, was die Liebe zur Musik vermag.“ Erst 1952 waren die Finanzen soweit konsolidiert, dass als obligatorische Dienstkleidung für die Musiker „Frack-Anzüge“ angeschafft wurden. Seit 1983 heißt das Orchester „Württembergische Philharmonie Reutlingen“.

Die Reihe der Dirigenten, die das Orchester bis heute leiteten, ist von internationalem Zuschnitt – darunter ein Grieche, ein Russe mit jüdischen Wurzeln, ein Katalane, ein Italo-Österreicher, ein Japaner und ein Schwede. Die älteren Fans des Orchesters werden sich noch gut an den Präzisionstüftler Salvador Mas erinnern, an den weltläufigen Opernexperten Roberto Paternostro, an den Klangingenieur Norichika Iimori und an den emotionalen Dirigierstil bei Ola Rudner. Jeder der bisher zehn Chefdirigenten hat seinen Teil dazu beigetragen, dass die Philharmonie das geworden ist, was sie heute ist: ein international anerkanntes, gefragtes Orchester, das in den besten Konzertsälen der Welt gastiert – von der Suntory Hall in Tokyo übers Concertgebouw in Amsterdam bis hin zum Musikverein in Wien – und mit Top-Stars wie Jonas Kaufmann und Lang Lang zusammenarbeitet.

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