Die letzten Geheimnisse bleiben, aber Glück ist erlernbar

Beim 97. Zeitgespräch war am Montagabend Dr. Stefan Klein Gast in der Kreissparkasse am Marktplatz. Ulla Heinemann und Iris Bosold befragten den vielseitig interessierten Forscher und Bestsellerautor.

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Auf dem Podium: Prof. Stefan Klein unterhält sich mit Ulla Heinemann (links) und Iris Bosold.  Foto: 

Das Schlussritual der 97. Zeitgesprächs hatte es in sich. Da stellen die beiden Moderatorinnen dem Gast vier Bücher als Geschenk zur Auswahl, aus denen er wählen soll. Klein wählte den "Allesforscher", weil der ihm wohl am nächsten kommt. Lokführer wollte er werden, der "neugierige Junge" (so Klein über sich selbst), dann Bereitschaftspolizist. In den Jahren der AKW-Demonstrationen rebellierte er gegen die von ihm als rigide und einschränkend empfundene Haltung seiner Bayerischen Umgebung und studierte schließlich Physik und analytische Philsosophie, forschte auf dem Gebiet der theoretischen Biophysik. Er hatte eine priviligierte Stellung bei Spiegel und GEO in der Wissenschafts-Redaktion.

Mehr wissen und tiefer gehen zu wollen, mehr zu begreifen und diese Erkenntnisse in klar verständlichen Bildern und Worten mitzuteilen war stets sein Antreiber, der ihn zum hunderttausendfach gelesenen Autor von Büchern über das Glück ("Die Glücksformel") und die Funktion des Gehirns getrieben hat. Und zuletzt in die Welt der Träume, denen er sich zwei Jahre lang widmete und die einen breiten Raum an diesem Abend einnahmen. Aufrichtigkeit bezeichnet er als seinen größten Wert, Mitteilen und Teilen als seine wichtigsten Tugenden, und er will Zuhörern und Lesern den Spaß vermitteln, den er selbst am Gewinnen von immer neuer Erkenntnis hat.

Er hätte Gutes tun und Therapeut werden können, sich mit Krankheiten beschäftigen. Aber das ist seine Welt nicht. Könnte er, würde er mit Sigmund Freud über dessen Ansichten streiten, würde Galileo Galilei auf dem schiefen Turm von Pisa treffen und ein Fallexperiment durchführen. Er hat sich in seiner Doktorarbeit mit der Weitergabe von Informationen in den feinsten molekularen Strukturen des Hirns beschäftigt.

Und er ist davon überzeugt, dass Glücklichsein nicht machbar ist, aber sich jeder Mensch den Lustgefühlen öffnen kann und lernen und sich gute Gewohnheiten aneignen, um negative Gedanken einzudämmen und zu beherrschen. "Wer sich ärgert, schadet sich selbst", so seine Erkenntnis. Wer seine Sichtweise verändert, kann sich helfen.

Und das gelte besonders für die Deutschen, die nichts so sehr akzeptieren wie das Bekenntnis zum Unglücklichsein. Da könne man von Ländern in Südamerika lernen, wie Costa Rica - und man könnte sich dem Glück als Querschnittsaufgabe in der Schule widmen. "Glücklichsein" ist erlernbar.

Mit einer weiteren These provozierte der Autor. "Geld ist nicht das beste Mittel zur Motivation", führt Klein aus. Vielmehr seien es Belohnungen für eine ganze Gruppe und das soziale System. Chefs sollten die moralischen Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter ernster nehmen, das Wir-Gefühl stärken. "Wenn Du die Motivation zerstören willst, dann bezahle dafür." Gute Gefühle auslösen sei die Voraussetzung für alles Lernen und weit wirksamer, so der Hirnforscher. Ein gutes Essen mit Tagliatelle und Pfifferlingen - ein Genuss, den er nach diesem Tag mit der Reichstadt verbinde.

In den Träumen geschieht Leben, wird Erfahrenes verarbeitet und geschieht die Neuausrichtung aufs Leben. So die Erkenntnis. Grundsätzlich träumen alle Menschen in allen Altergruppen und allen Kulturen. Das sei während der gesamten Schlafphase so, und deshalb sei Träumen diejenige Tätigkeit, "die wir in unserem Leben weitaus am meisten ausüben". Schon Säuglinge träumten von Bewegungen, ältere Menschen in schwarz-weiß, was wohl mit deren Medienkonsumverhalten aus der Zeit der Schwarz-Weiß-Fernseher zusammenhänge.

Spiritualität und Glaube sind nicht messbar. Da gebe es kein richtig und falsch. Da er selbst nicht an einen Schöpfergott glaubt, rätselt er noch über die Entstehung von Geist und Seele, ist fasziniert vom Johannes-Evangelium als einem "der herausfordernsten Texte, die ich kenne" - und beschreibt das Eingebundensein der Menschen in ihr soziales System als das "größte Wunder überhaupt". Nach dem Abend ist klar: Die letzten Geheimnisse bleiben. Aber darüber erzählen dann vielleicht unsere Träume eine weitere Geschichte.

"Er hat uns große Freude bereitet", war Joachim Deichmann, Vorstandsmitglied der Kreissparkasse Reutlingen, nach der Veranstaltung mit 450 Personen auch persönlich sehr zufrieden, strahlte und widmete sich den noch lange im neuen Foyer plaudernden Gästen. Den nicht einfachen Part der Moderation hatten die beiden Religionspädagoginnen Ulla Heinemann und Iris Bosold mit Bravour bewältigt.

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