Die Herberge ist volljährig

Am ersten Tag der Reutlinger Vesperkirche bildeten die zahllosen Wartenden vor der Essenausgabe am Sonntag um die Mittagszeit eine Schlange, die sich durch die gesamte umgestaltete Nikolaikirche zog.

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Jetzt ist die Reutlinger Vesperkirche also erwachsen geworden. Pfarrerin Ursula Göggelmann sowie Reutlingens Erste Bürgermeisterin verwiesen auf den 18. Geburtstag „dieses ganz besonderen Ortes“, so Ulrike Hotz. Die Nikolaikirche werde jetzt laut Pastoralreferentin Ulrike Neher-Dietz einmal mehr für vier Wochen zum Gasthaus, zur Herberge, „die Begegnung und Fürsorge füreinander“ ermögliche.

Bevor aber die ersten Mahlzeiten der 18. Vesperkirche ausgegeben wurden, umrahmten Musiker der Musikschule Eningen den Eröffnungsgottesdienst. Seinen Platz fand darin erneut das traditionelle „Brot-Brechen“ – um damit symbolisch darzustellen, dass jeder einzelne Besucher, jede Besucherin willkommen sei.

Und dort nicht nur körperliche Nahrung für wenig Geld erhält, sondern auch Aufmerksamkeit. „Hier ist das Essen so wichtig wie das Gespräch“, sagte Hotz. Dabei könne nicht verhehlt werden, dass „die Schere zwischen Arm und Reich auch in Reutlingen immer weiter auseinander geht“, sagte die Bürgermeisterin in Vertretung von OB Barbara Bosch. „Das Paradies auf Erden wird Illusion bleiben“, betonte Hotz. Sie lobte jedoch das große Engagement derer, die sich ehrenamtlich in die Vesperkirche einbringen und sagte Dank : „Sie kümmern sich bedingungslos um die Menschen, die hierher kommen“.

Bevor Mitarbeiterinnen der ökumenischen Vesperkirche durch das zur Herberge umgebaute Gotteshaus gingen und jedem einzelnen Besucher ein Stückchen Brot gaben, verwies Neher-Dietz auf das Gleichnis der fünf Brote und zwei Fische, mit denen Jesus den Hunger von 5000 Menschen stillte. Dabei sei Brot nicht nur als Nahrung zu verstehen, sagte die Pastoralreferentin. „Brot ist Frieden, Essen statt zu hungern ist Frieden, Schutz in einem Haus zu finden, arbeiten zu können, ist Frieden“, so Neher-Dietz. „Und wir können nicht leben, wenn nicht ein anderer uns liebevoll in den Blick nimmt.“

Ursula Göggelmann forderte dabei die Besucher der Vesperkirche auf, bewusster mit Nahrungsmitteln umzugehen. „Wir haben uns vorgenommen, dass weniger Essbares weggeworfen wird“, so die theologische „Chefin“ der Vesperkirche. Denn: Jede einzelne Person in Deutschland werfe statistisch betrachtet jährlich 82 Kilogramm Nahrungsmittel im Gegenwert von 235 Euro weg. Pro Woche seien das mehr als 1,5 Kilogramm – „wie viele Hungernde können davon satt werden“, mahnte Göggelmann.

Die Gäste der Vesperkirche sollen deshalb in diesem Jahr gefragt werden, wie groß die Portionen ausfallen sollen. „Dann bleibt weniger auf den Tellern übrig.“ Und wer kein Vesperpaket brauche, der solle das sagen und es nicht vor der Kirche in den Mülleimer werfen. „Alle sollen hier bekommen, was sie brauchen – aber auch nicht mehr“, so Göggelmann. Anschließend sprach Vesperkirchen-Initiator Klaus Kuntz ein Tischgebet und betonte: „Auch heute wird das Essen gut und lecker sein.“

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