Die glorreichen Schwaben

„Im wilden Südwesten“ heißt das neue Stück von Silvie Marks und Johannes Schleker. Jetzt war Premiere im ausverkauften Hayinger Naturtheater. 

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Ach ja, die Schwaben. Eigensinnig sind sie, unprätentiös, wortkarg, aber authentisch. Sie haben kein Glück mit sich, machen sich gerne das Leben schwerer als es ist. Gut geht‘s ihnen nur nach der Devise: „Hier bin ich Schwabe, hier darf ich‘s sein“, oder wie der Dorf-Sheriff (Christoph Hermann) im Hayinger Spätzles-Western gleich zu Beginn klar macht: „Ohne Kehrwoch koi Ordnung und ohne Ordnung koi Recht“.

Auch mit Fremden, etwa aus der Hauptstadt, hat die Dorfgemeinschaft so ihre Probleme. Die sollten sich gefälligst anpassen, Schwäbisch schwätzen und die Regeln einhalten, frei nach dem Motto: „Mach koin Ärger, halt dei Gosch!“.

Auf der anderen Seite offenbart sich bei einigen der Dorfbewohner ein sehr direkter Humor, ein Hang zur Selbstironie und ein unbändiger Drang nach Freiheit. Und wenn sie gebraucht werden, packen sie mit an. Auch ist es kein Zufall, dass das neue Volkstheaterstück des Naturtheaters Hayingen im Westernmilieu spielt, schreibt man etliche Charakterzüge der Schwaben doch auch den Cowboys und Girls des Wilden Westens zu.

Das neue Regie- und Autorengespann Silvie Marks und Johannes Schleker begibt sich in dem  – inklusive Pause – gut dreieinhalbstündigen Stück auf einen unterhaltsamen, wenn auch etwas zu lang geratenen Ritt durch den wilden Südwesten, der direkt vor unserer Haustüre liegt – genau genommen in einem verschlafenen Dorf irgendwo auf der Schwäbischen Alb.

Wer hier lebt, liebt seine Heimat und schaut, dass es hinten warm rauskommt. Trotzdem sind neben dem Kaliber (Peter Edelburg), dem Pfarrer (Dietmar Landenberger-Edelburg), einigen Saloongirls (Carina Glatzer, Helen Gramlich, Lisa Sulley) und dem Stollenbesitzer Goldfinger (Marc-Philipp Knorr) sowie ein paar Goldschürfern, die vergeblich nach dem großen Fund graben, nicht viele geblieben. Leben kommt erst in die Bude, als es in der benachbarten Goldmine zu einem Unfall kommt und eine dunkle Gefahr die Idylle des Dorfes empfindlich stört. Jetzt heißt es „Ruhe bewahren in der Krise“, so der meist schlafende Schultes (Eberhard Herb), und antreten zum Schießen üben. Die Männer des Dorfes machen sich daran, „die kleine Betriebsstörung“ zu korrigieren und die angeblich dunkle Gefahr aus dem Weg zu räumen.

Als dann die arbeitswütigen Männer auch noch bemerken, dass ihre Frauen fehlen und über Nacht die neue Lehrerin Frau Prenzlau (Sonja Ihle) verschwindet, ist das Chaos perfekt. Auf humorvolle Art, die die Schwaben in all ihren liebenswerten und widersprüchlichen Facetten zeigen, werden Aspekte wie wegbrechende Sicherheiten oder der Verlust der Heimat verhandelt und schließlich machen sich die Dorfbewohner und Goldschürfer daran, ihre Frauen mit Colt und Lasso zurückzuholen: „I will koi Gold, I will mei Frau!“.

Weder der sprachliche, noch der musikalische Aspekt kommt an diesem Abend zu kurz: Die Dialoge und Szenen, gesprochen „em broidschda Schwäbisch“, werden immer wieder von Gesangseinlagen (musikalische Leitung: Stefan Wurz) unterbrochen.

Verblüffend auch, was das Regieduo für seinen Spätzles-Western alles so auffährt: Insgesamt rund 60 Akteure bespielen das gesamte Freilichtbühnen-Areal. Es kommen vier Pferde, zwei Kutschen, unzählige Plastikcolts und „zwei genehmigte Schusswaffen“ zum Einsatz. Rund 600 Meter Kabel wurden verlegt, das Bühnenbild umfasst hydraulisch versenkbare Schulbänke, eine Kirche und einen Saloon inklusive einer ausrollbaren Westerntheke (Bühnen- und Kostümbild: Jana Farbach).

In dem „Heimatstück im Westerngewand“ wird gebruddelt, gestritten, gesungen und kühn drauflos gespielt. Aus vielen kleinen Szenen formen Silvie Marks und Johannes Schleker ein liebevolles Stück, das tiefe Einblicke in die wundersame Welt der Schwaben gibt. Am Ende beim Marktplatz-Showdown kehren auch die angeblich entführten Dorffrauen zurück – mit der Mahnung an die Männer: Liebe ist bereichernder als Gold, und irgendwo ankommen wichtiger als Freiheit.

Weitere Aufführungen: Bis 4. September samstags, 20 Uhr, und sonntags, 14.30 Uhr. Am 13./14. August keine Vorstellungen. Karten: (0 73 86)  97 53 75 und www.naturtheater-hayingen.de

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