Dezente Klassik und Trommel-Power

Der Clou dieses 222. Matineekonzerts war ausnahmsweise die Zugabe: ein Trommel-Solo der jungen Pianistin Ena Han, bejubelt vom Publikum.

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Es kommt wohl selten vor, dass eine "klassische" Pianistin koreanisches Schlagwerk im Gepäck hat. Ena Han hat es, und mit ihrem Perkussions-Solo am Ende des 222. Matineekonzerts beim Forum junger Interpreten in der Kreissparkasse bewies sie mindestens genauso viel Musikalität - und deutlich mehr Power - als bei ihrem Klavier-Vortrag. Die junge Frau aus Freiburg ist ein außergewöhnliches Talent: Schon mit neun Jahren trat sie als Klaviersolistin auf, mehrfach errang sie erste Preise bei "Jugend musiziert" und diversen anderen Klavierwettbewerben. Derzeit studiert sie als Vorstudentin an der Musikhochschule Karlsruhe.

Ihr Können, gepaart mit einer enormen Konzentrations- und Gedächtnisleistung, ermöglicht ihr ein Programm, das Stücke unterschiedlicher Stile, Epochen und Schwierigkeitsgrade enthält. Den Anfang macht eine Haydn-Sonate (Hob. XVI:49), deren unverbindlich-heitere Themen Ena Han knapp, trocken und präzise formuliert. Ganz schlicht gestaltet sie den langsamen Satz; behutsam erlaubt sie der Musik die Entfaltung rauschender Fülle. Den Bechstein-Flügel behandelt sie wie ein zart besaitetes Clavichord aus Haydns Jugendzeit.

Das erste Highlight bildet Chopins berühmtes Fantaisie-Impromptu cis-Moll: Leicht und akkurat perlen die Läufe, Romantik wird nicht aufgesetzt, sondern blüht sanft von innen heraus, die Übergänge werden sensibel nachvollzogen. Von Franz Liszt bringt sie kein Pianisten-Schlachtross, sondern das feinsinnige "Au bord d'une source" (An einer Quelle) aus dem Schweizer Teil der "Années de Pèlerinage", dessen Wasserspiele sie in zarten Farben und mit fast lupenreiner Technik glitzern und perlen lässt, nur sparsam werden Akzente und Linien hervorgehoben.

Auch bei Bachs "Französischer Suite (BWV 816)" beschränkt sie sich auf die feine Nachzeichnung der Lineaturen, einmal kurz aus der Spur, unauffällig wieder im Fluss, grundiert durch die Rokoko-Tanzrhythmen. Nur in der Gigue setzt sie Bewegungsimpulse durch klare Akzente. Ein extrem schwieriges Stück bildet den Schluss des offiziellen Programms: Maurice Ravels "Alborada del gracioso", das die junge Pianistin mit bemerkenswerter Sauberkeit, doch ohne den durchgehenden Schwung absolviert, den man sich hier wünscht - für dieses Meisterwerk des Impressionismus ist sie einfach zu jung.

Ena Hans Art, Klavier zu spielen, tendiert grundsätzlich zur Zurückhaltung; sie scheint sich unterzuordnen unter den akribisch im Gedächnis gespeicherten Notentext und ein verinnerlichtes Perfektions-Ideal - zwar eine gute Voraussetzung für die Rolle als Begleiterin, weniger jedoch für die der Solistin. Sie zeigt wenig offensive Virtuosität, kaum Emotion, nur sparsam dosierte Romantik - eine junge Anti-Pianistin?

Geradezu verwandelt erscheint sie zur Zugabe mit den fünf an bunten Gestellen aufgehängten koreanischen Trommeln. Statt rosa Tüll trägt sie nun Nationaltracht in kräftigen Farben, in den Händen zwei Holzschlägel, mit denen sie virtuos die Felle bearbeitet, in anmutiger Drehung, über den Kopf, nach links, nach rechts, oben, unten, und erzeugt einen rasenden Wirbel von melodischem Klackern und Dröhnen. Lächelnd steigert sie das Trommelfeuer zum krachenden Musik-Feuerwerk, begleitet von Ausrufen - hier entfaltet sie, fast wie ein Jazzer, so viel Farbe, Freiheit und Energie, dass man ihr wünscht, sie möge diese Qualitäten auf ihr Klavierspiel übertragen. Wenn sie das meistert, wird sie als Solistin faszinieren.

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