Der reiche Knapp mit seiner kessen Kappe

Premiere beim Tag des Denkmals: Waltraud Pustal zeigte ihre beachtenswerte Schau zur Fadenfabrik "Knappete". Die Besucher bekamen Bilder, einen Film von 1952 und originale Schauobjekte zu sehen.

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Die "Knappete" multimedial: Waltraud Pustal zeigte auch Bilder und den Film zum 100-jährigen Bestehen. Foto: Herdin

Industriegeschichte bei Espresso und Prosecco - dazu gabs als schön gestaltete Dreingabe ein Postkartenheft zur "Knappete", wie sie einst schon die Arbeiter nannten. Die Landschafts-Planerin Pustal ist Vorsitzende des Geschichtsvereins und hat ihre Büros in dem dreistöckigen Produktionsgebäude unweit des Gymnasiums und der Fladschen Mühle - die gestern ebenfalls ein Anlaufpunkt war.

Was lag also näher, als dass sich die Ingenieurin mit der Geschichte und mit dem technischen Fortschritt von damals näher auseinandersetzt - sitzt sie doch an der Quelle. Und für die Schau konnte sie zahlreiche originalen Schauobjekte zusammentragen. Hinzu kam ein Film, den der damalige Geschäftsführer Albert Gayler produzieren ließ. Außerdem hat sie Bildmaterial aus dem Arbeitsleben der Firma Knapp dort auf bis zu zwei Meter hohe Tafeln reproduziert.

Im Jahr 1852 zog die Textilindustrie in Pfullingen ein. Albert August Knapp, jüngster Spross einer Reutlinger Manufakturwarenhandlung, gründete auf Initiative von Ferdinand von Steinbeis von der "Centralstelle für Gewerbe und Handel" in Stuttgart am damaligen südlichen Stadtrand von Pfullingen eine Leinen- und Baumwollzwirnerei.

Wahrzeichen der Fertigungsstätte von Garn und Zwirnen war der erste viereckige Fabrikschornstein der Stadt, gleich gegenüber der Klosterkirche - und dazu noch aus einem für solche Zwecke unüblichen, exquisiten Material gefertigt - Tuffstein. 22 Meter ragte er in die Höhe, Knapp selbst wuchs ebenfalls sehr schnell, wurde steinreich.

Einen nicht geringen Anteil daran haben König Wilhelm I. (1781 bis 1864) und der weithin bekannte Ferdinand von Steinbeis (1807 bis 1893). Sie waren die ersten großen Wirtschaftsförderer in einem Land, das damals bei der industriellen Revolution nicht das schnellste war.

"Steinbeis wusste, was die Trends sein würden", so Pustal. 1850 war die rasend schnelle Nachfrage nach Nähgarnen absehbar. Hinzu kam, dass der König selbst eine Firma besessen hatte und wusste, wie dringend notwendig Subventionen sein würden, auch um gegenüber dem prosperierenden England nicht komplett in den Schatten zu treten.

Fehlte nur noch das Personal. "Wo gibt es überschüssige - noch nicht ausgelastete Söhne reicher Menschen mit Geld, die noch etwas reißen wollen?", beschreibt Pustal recht plastisch die Vorstellungen des damaligen "Headhunters" Steinbeis. Er war also einer, der sich auch nach dem Personal umschaute und dafür sorgte, dass im Verlauf der regionalen Entwicklung auch hiesige Arbeitskräfte zum Zug kommen sollten. "Zudem wurden die Maschinen hauptsächlich im Königreich Württemberg produziert", weiß Waltraud Pustal. Das notwendige Know-how über den Stand der Technik holte sich Knapp im florierenden England.

Das Unternehmen Knapp wurde, wie so üblich, durch Generationen in der Familie "weitergereicht", legendär bleibt Hugo Knapp, der bis 1940 die Geschäfte führte. Als "Hugo Knapp, der mit der Kappe" ist er bekannt geworden. Zeitzeugen berichten, wie er, stets mit seiner Mütze winkend, übers Fabrikgelände lief, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist.

1962 kam das jähe Ende der Knappete, die Firma konnte mit den neuen Kunstgarnen nicht mithalten. Bis 1989 war die Fabrik Lagerraum für den Zivilschutz des THW.

Durchaus ein wenig stolz war Waltraud Pustal gestern am Tag des Denkmals schon, dass trotz der Konkurrenz durch das Schlösslesparkfest so viele Besucher kamen. Und die Frau vom Geschichtsverein forscht weiter in Sachen "Knappete". Tondokumente mit Erinnerungen ehemaliger Beschäftigter wird sie auswerten. "Ich habe viele Objekte von diesen Leuten geschenkt bekommen, da will ich mit der Präsentation von Sammlerstücken wieder etwas zurückgeben."

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