Der Körper badet in der Luft

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Hoch das Firmenemblem: Szene aus der Abschieds-Hommage des Tonne-Theaters an die Planie 22.  Foto: 

Hundert Jahre Heinzelmann-Geschichte, 14 Jahre Theater-Geschichte: Die Planie 22 hat was zu erzählen. Das Tonne-Theater hat nun tief ins Gebäude seiner langjährigen Zweit-Spielstätte hineingehorcht und daraus eine tolle Collage zusammengestellt. Sie bringt noch einmal Leben in die Bude, mit einem assoziativen Rundgang durchs verschachtelte Gebäude und einem szenischen Abriss der Firmengeschichte, die exemplarisch die Reutlinger Textil-Industriegeschichte abbildet.

Zuschauer wandern

Das Publikum wandert in vier Expeditionsgruppen durch die charmant heruntergekommenen Strickmaschinen-Hallen, durch Treppenhaus, Technikräume, Kantine und Schwimmbad – wo einst Bademode getestet wurde. Und das jetzt noch einmal mit Wasser befüllt wurde, um die Muster-Illuminationen der Casa Magica geheimnisvoll widerzuspiegeln. Der Pool wirkt doppelt tief, eine optische Täuschung, die vielleicht auf den Zweck von Mode verweist, nicht nur gut auszuschauen, sondern mit schrillen Mustern von der ein oder anderen unvorteilhaften Ausbuchtung am Körper abzulenken, wie es später im Text heißt.

Die elastische Bademode wird von Heinzelmann aber erst nach 1945 produziert – zur Gründerzeit war man noch mit der atmungsaktiven Reform-Baumwollwäsche nach dem Rezept von Dr. Lahmann in den Unterwäsche-Olymp aufgestiegen: ein bisschen teurer, aber qualitativ so hochwertig, dass man damit sogar den Gotthard hinauf schwitzen und in der Kälte wieder hinabsteigen könne, ohne einen Hauch Frost zu verspüren, heißt es.

„Der Körper badet in Luft“, lobpreisen Silvia Pfändner und Jördis Johannson in der szenisch dargestellten Firmengeschichte die Funktionswäsche (Text: Karen Schultze, Regie: Enrico Urbanek). Die beiden Schauspielerinnen erzählen auch die Familiengeschichte – unter anderem, wie sich eine der zugezogenen Heinzelmann-Gattinnen über die Geist- und Kunstlosigkeit Reutlingens beschwert.

Geist und Kunst stecken ebenfalls nur andeutungsweise in den vielen braven Werbeschnipseln, die zitiert werden, zwischen den überdimensionalen Stoffbahnen von Ilona Lenk. Die irgendwann auch als Hakenkreuzfahnen flattern: Die beiden Soundtüftler Christian Dähn und Bernd Wegener lassen auf einer großen Pauke die Panzer rollen – die beiden Weltkriege treffen auch die Heinzelmann-Fabrik mit aller Wucht.

Rhythmus der Maschinen

Wegener und Dähn steuern in den unterschiedlichen Räumen den experimentellen Sound bei oder geben den Maschinen- und Arbeitsrhythmus vor, während Pfändner und Johannson an den Ufern des Heinzelmannschen Test-Badesees anmutig singen. Die Industrialisierung als Fluch und als Segen.

Dann wird wieder der große Bogen zur Gegenwart geschlagen: Studierende der Hochschule für Textil- und Design stellen in einem weiteren Kellerraum ihre so luftigen wie erdigen Semester-Abschlussarbeiten aus, eine Mischung aus Materialstudie, Mode, Experiment und Kunst. In einer solchen Geschichte darf das textile Werk von Strickkünstler Wolfgang Rätz keinesfalls fehlen.

Er hat für die Planie-Show nicht nur ein Fahrrad, eine Bank und einen Leitpfosten bestrickt, sondern auch seine urbanen Strick-Reste aus dem schmutzigen Stadtverkehr zu einer neuen Skulptur verknüpft. Der hängende, wollige Kasten erinnert an eine Gefängniszelle: Klamotten sind ja manchmal nicht nur schön, sondern können auch zwicken, kratzen und einschnüren.

Einschnüren kann einen auch der eng gestrickte Arbeitsalltag – auch wenn die Heinzelmann-Zeitzeugen eher positive Erinnerungen teilen: Die Erzählung über das gute Essen, die familiäre Atmosphäre, die gute Bezahlung und das kleine Betriebs-Nickerchen wird kontrastiert vom Lied der Weber – „Deutschland, wir weben dein Leichentuch“, intoniert vom Projektchor von Ulrike Härter. Der außerdem in der ehemaligen Kantine und Küche neckisch in der Durchreiche steckt und den Speiseplan auf Schwäbisch singt.

Wenn der Koch (Christian Dähn) nicht gerade lazy auf den Küchengeräten herumtrommelt, ist der Arbeitsalltag meist recht streng getaktet. Das kommt in Bernd Wegeners Strickmaschinen-Performance zum Ausdruck: Er beklopft und bewegt die Maschinen, assoziiert sich akustisch durch das Verhältnis von Mensch und Maschine und kehrt schließlich mit seinen Weidebögen alle hinaus aus der Fabrik: 1990 wurde die Firma liquidiert.

Und so kommt die Textil-History-Show so inspirativ wie informativ daher. Mit der man am Ende eine breite Diskussion um die zukünftige Nutzung des Industrie-Areals und des denkmalgeschützten Gebäudes anstoßen will.

Weitere Vorstellungen 25., 26. Februar, 3., 4., 9. bis 12., 15., 17. bis 19., 23. bis 26. März; jeweils 20 Uhr, außer am 19. März um 16 Uhr sowie sonntags und Samstag, 18. März, um 18 Uhr.

Karten für die Vorstellungen gibt es unter Telefon (0 71 21) 93770 oder online auf www.theater-reutlingen.de.

Die Gebäude der ehemaligen Firma Heinzelmann an der Planie 22 entstanden 1890 bis 1959. Es begann mit der Fabrikhalle 1890, einem Backsteinbau, die letzten Neubauten kamen 1959 dazu. Besonders erwähnenswert ist dabei ein Schwimmbad im Untergeschoss, wo die Badeanzüge geprüft und Werbeaufnahmen angefertigt wurden. Im Dachgeschoss war eine großzügige Kantine eingerichtet.

Firmengründer Hermann Eduard Heinzelmann hatte das alleinige Vertriebsrecht der geschätzten „Dr. Lahmann-Reform-Baumwollkleidung“. 1920 brachte Enkel Hans Heinzelmann aus USA die Idee von gestrickter Badekleidung in modischer bis extravaganter Ausführung mit. In den 50ern wurden weitere günstige Lizenzverträge abgeschlossen – etwa mit Mary Quant, der Erfinderin des Minirocks. Ihren wirtschaftlichen Höhepunkt erreichte die Firma zwischen 1960 und 1980. Im Jahr 1990 musste die Fabrikation eingestellt werden.

Kulturelle Nutzung Sie begann mit den Landeskunstwochen 1991 – mit großen Ausstellungen (Grieshaber-Schüler heute), Laserperformance (Friedrich Förster) und Theater (teatro del sole). Mitte der 90er eröffnete dort die Galerie Guth-Maas & Maas, später abgelöst durch die Galerie Planie 22 von Rudolf Greiner. Der damalige Tonne-Intendant Alex Novak begann dann 1999 versuchsweise die Planie mit Theater zu bespielen, zuerst mit Peter Handkes „Kaspar“. Seit 2003 ist die Planie offizielle zweite Spielstätte des Tonne-Theaters. Otto Paul Burkhardt

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