Der glasklare, saubere Stimmglanz

|

Kein Zweifel, der Tölzer Knabenchor zählt international zu den Spitzen­ensembles seiner Art. Top-Dirigenten wie Leonard Bernstein, Claudio Abbado und Daniel Barenboim haben mit dem Chor schon zusammengearbeitet. Und allseits wird das „Weltniveau“ der Tölzer gelobt.

Ein Blick in den Terminkalender zeigt: Die Tölzer singen demnächst in Berlin, Dresden, München, Wien, Meran, Budapest, Moskau und – Bad Urach. Das Konzert am Samstag, 3. Dezember, 20 Uhr in der Amanduskirche, dürfte ein weiterer Höhepunkt im Jahr des Stadtjubiläums werden. Chorleiter Christian Fliegner nahm sich im Vorfeld des Konzerts die Zeit, um ein paar Fragen von uns zu beantworten.

Das Repertoire des Chors ist sehr breit gefächert: Oper, Oratorium, Lieder, Weihnachtliches und mehr. Wie verteilen sich da, prozentual gesehen, die Schwerpunkte?

Christian Fliegner: Das verändert sich natürlich von Jahr zu Jahr. Wir sind nicht nur allein für unser hohes künstlerisches Niveau bekannt, sondern auch für besondere Flexibilität, Spontaneität, für die Gabe extrem rascher Einstudierung teilweise besonders schwieriger Literatur – sei es etwa auch von zeitgenössischer Musik.

Aus dieser Erwartungshaltung resultiert dann natürlich auch die Qualität der Anfragen. Wir sind begehrt als klassische „Einspringer“, als Garant für zuverlässig abgelieferte künstlerische Qualität, für Authentizität in historischer Aufführungspraxis wie bei Uraufführungen.

Und so ergeben sich das eine Jahr mal Tourneen mit etwa Händels „Messias“ und/oder Bachs „Matthäuspassion“ oder Ähnliches, das andere Jahr vielleicht „zufällig“ ein oder zwei Uraufführungen und dann wieder Einspringer etwa an der Semperoper Dresden mit Debussys „Pelléas et Mélisande“ und/oder Mozarts „Zauberflöte“. Das ist ja auch das Spannende und Geniale unseres musikalischen Wirkens.

Das Terzett in Mozarts „Zauberflöte“ ist eine klassische Aufgabe für Solisten des Tölzer Knabenchors, aber auch andere Partien – können Sie Beispiele nennen?

Eines der Leitbilder vom Gründer des Tölzer Knabenchores, Prof. Gerhard Schmidt-Gaden, ist es, die von den Komponisten konzipierten Knabenrollen auch wieder von Knaben besetzen zu lassen. Das war lange vergessen, indem man diese Rollen mit jungen Damen besetzen zu müssen glaubte, bis man sich von den Solisten des Tölzer Knabenchores überzeugen lassen wollte.

So singen wir heute die „Drei Knaben“ in Mozarts „Zauberflöte“ an der Staatsoper München, an der Semperoper Dresden, an der Staatsoper Wien, an der Deutschen und Komischen Oper Berlin – und im Rahmen deren weltweiter Gastspiele in Shanghai, Moskau, Edinburgh, Melbourne, Tokio und in vielen anderen Musikmetropolen – aber auch den „Yniold“ in Debussys „Pelléas et Mélisande“, den „Oberto“ in Händels „Alcina“ an der Semperoper Dresden und so weiter.

Was hat der Chor im Bereich der leichteren, der Unterhaltungsmusik zu bieten?

Alles, was das Herz und/oder die Veranstalter begehren. Allerdings möchten wir schon sehr betonen, dass wir nicht alles, was die heutige so genannte „Branche“ da so mit sich bringt, mitmachen. Wir lassen uns da nicht allzusehr verbiegen, künstlerische Qualität hat für uns da Vorrang – nicht allein im Sinne der Darbietungsqualität, sondern schon ganz stark auch im Sinne der inhaltlichen Qualität.

Und sollten wir tatsächlich mal in einer ansonsten äußerst breitenwirksamen Produktion dabei sein, so fallen wir da oft und gerne darin auf, beim Publikum so einen ganz überraschenden „Ach-das-ist-ja-ganz-was-Besonderes-Effekt“ zu erzielen, ohne dass es dem Betreffenden bewusst ist, warum er das so empfindet.

Wie kann man heutzutage – in Konkurrenz zu Fußball und medialer Überflutung – Jungen für klassische Musik begeistern?

„Ganz einfach“ – naja, indem man mit viel Geduld und Einfallsreichtum es zu verstehen weiß, die jungen Menschen für den Spaß und die Freude am Singen zu begeistern. Das fängt bei den Sechsjährigen spielerisch an und steigert sich bis zum Konzertchor bis zu höchster Professionalität, die sie aber in ihrer Begeisterung zu leisten bereit sind, ohne dass sie es selber merken, welche gigantische, zum Teil physische Leistungen sie da vollbringen.

Wir sind durchaus gewohnt zu sagen, Singen ist eigentlich ein Hochleistungssport. Aber der Kreis schließt sich da wieder, denn dafür treten sie dann ja auch nicht nur in den größten Opern- und Konzerthäusern auf, sondern treffen da schon das eine oder andere Mal die Weltmeister-Fußballer des FC Bayern München hautnah, wenn sie zum Auftritt an deren Weihnachtsfeier gefragt sind.

Was, glauben Sie, macht den ganz speziellen Klang des Tölzer Knabenchors aus?

Der glasklare, saubere Stimmglanz. Unser Chorgründer Gerhard Schmidt-Gaden entwickelte eine heute weltweit anerkannte spezielle Methode der solistischen Ausbildung, mit Hilfe derer unsere Knaben ganz individuell stimmliche Förderung erhalten und dabei ein Klangvolumen entwickeln, das ohne jegliche Kraftanstrengung schier seines Gleichen sucht.

Allein am 3. Dezember, dem Tag Ihres Uracher Gastspiels, sind insgesamt drei Konzerte angesetzt: um 17 Uhr beim Tölzer Weihnachtsmarkt, um 18 Uhr im Ulmer Münster und um 20 Uhr in Bad Urach. Wie ist das möglich?

Im Konzertchor sammeln sich ja etwa vier Ausbildungsjahrgänge – Generationen also. Das sind dann immer etwa so 65 bis 75 Kinder. Für unsere Aufführungen benötigen wir je nach gefragtem Programm ja immer nur so an die etwa 22 bis 28 Knaben. Auf diese Weise können wir also spielend an drei Orten gleichzeitig sein.

Was dürfen die Besucher des weihnachtlichen Festkonzerts in Bad Urach erwarten?

Wir präsentieren in diesem „weihnachtlichen Festkonzert“ unsere so genannte „Alpenländische Weihnacht“. Hierbei handelt es sich um eine abwechslungsreiche, ganz besondere Programmfolge von weihnachtlichem Liedgut aus dem deutschsprachigen Alpenraum. Die überwiegend im 18. Jahrhundert entstandenen besinnlichen Weisen und heiteren Hirtengesänge stammen unter anderem aus Oberbayern, dem Salzkammergut, Kärnten, Tirol und Salzburg. Die chronologische Zusammenstellung der volkstümlichen Lieder lässt den Zuhörer Teil der biblischen Weihnachtsgeschichte werden.

Letzte Frage: Der Tölzer Knabenchor hat schon viele Komplimente von Prominenten bekommen. Welches finden Sie am schönsten?

Ja, die Fülle an Zitaten – da haben Sie Recht – führt unweigerlich zur berühmten Qual der Wahl. Viele prominente Dirigenten, Zuhörer, Regisseure, Staatsoberhäupter ehrten uns mit Sprüchen. Vielleicht nehme ich der Einfachheit halber eines der jüngsten: „Ich habe schon viele Solisten des Tölzer Knabenchores gehört und mit einigen gearbeitet. Ich finde die solistische Arbeit beim TKC vorbildlich.“ Das Zitat stammt von Sir Simon Rattle im Januar 2016.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden