Der die Sau rauslässt

Wären die 120 Mitarbeiter Menschen - man könnte sagen, dass Hansi Schwille einen mittelständischen Betrieb führt. Doch die "Mitarbeiter" sind Nutztiere - in diesem Fall Servicekräfte im weiteren Sinne.

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    Veronika zeig dein Gebiss her: Hansi Schwille hat alles im Griff. Foto: Evelyn Rupprecht
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Träge döst Veronika vor sich hin. Dass sie nicht herzhaft gähnt, ist alles. Was war das gestern aber auch für ein Stress. Konfirmation! Dutzende Kinder und Jugendliche haben Veronika angestarrt, haben auf sie eingeredet, sie haben sogar versucht, ihren Hintern zu tätscheln. Zum Glück ist heute Montag. Ruhetag! Zeit, sich vorzubereiten auf die Kindergarten-Horde, die morgen vorbeischaut und auf die Schulklasse und die Seniorengruppe, die am Mittwoch kommen werden. Doch Veronikas Entspannungsphase wird in diesem Augenblick empfindlich gestört.

Der Chef naht, reißt ihr das Maul auf, zeigt auf ihren Kiefer mit den stumpfen Zähnen und sagt: "Deshalb kann sie nicht richtig beißen, darum ist sie eine Wiederkäuerin." Und weil sie keine scharfen Zähne hat, braucht sie Hörner, damit sie sich wehren kann, doziert Hansi Schwille weiter, während Veronika versucht, ihren Kopf aus dem Schraubstockgriff des Bauern zu bekommen. Lazar, der Eselhengst im Nachbarstall, kennt das Schauspiel schon. Gelangweilt schaut er weg. Ihn beschäftigt viel mehr die Tatsache, dass er nicht zu den Stuten auf die Weide darf. Aber das, sagt der Chef, könnte blutig ausgehen. Lieber soll Lazar allein im Stall bleiben.

Derweil lässt Schwille Veronika wieder los. Kuhmaul zu. Lehrstunde beendet. Fortsetzung folgt. Der Mann ist in seinem Element, ja, er hat eine Mission. "Mein Ziel ist es, meinen Mitbürgern die heimischen Nutztiere näher zu bringen", erklärt er. "Die Menschen sollen die Tiere fühlen, sehen, welche Forderungen sie stellen, mit ihnen ein Stück Alltag erleben."

Acht Esel leben auf dem Schwillehof am Pfullinger Ortsausgang in Richtung Gönningen. Veronika, die Wiederkäuerin, ist die einzige Kuh. Dazu kommen noch Schafe, Ziegen, Gänse, Truthähne, Hasen, Meerschweinchen, Pferde, Säue, Hunde, Katzen - und ein Lama. Gut, das ist jetzt nicht unbedingt ein heimisches Nutztier - um die geht es Schwille nämlich -, aber ein Hauch von Exotik kann auf einem schwäbischen Bauernhof ja nicht schaden.

Um die 120 tierische Mitarbeiter leben derzeit hier. Und sie alle sind mit den Menschen bestens vertraut. Und: Die Besucher sind auch mit dem Vieh bestens bekannt, wenn sie den Hof wieder verlassen. Manche sind ihnen sogar so nahe gekommen, dass sie kleinere Blessuren davontragen. Weil Tiere halt nicht immer nett sind. Sie können sogar ziemlich direkt sein. So wie das Schaf, das sich erst streicheln lässt und einem dann den Kopf in den Oberschenkel rammt. "Aber blaue Flecken sind für viele Kinder schon fast Trophäen", erzählt der Bauernhof-Chef, der den Besuchergruppen ihre ganz eigene Erfahrungswelt mit den Tieren gewährt. Mal lässt er sie über die Zähne einer Gans streichen, mal dürfen sie die Ziegen an der Leine übers Gelände führen und die Hasen füttern. Und schließlich lässt Schwille noch die Sau raus - und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. "Die Leute bekommen dann einen Stecken und müssen das Schwein wieder in den Stall treiben." Da, so Schwille, erfahre dann so mancher Mensch, welche Kraft in so einem Tier steckt.

Pädagogik und Psychologie gehören zum Alltag des Pfullingers. Was er sich damals, als er die Ausbildung zum Landwirt gemacht hat, wohl nicht hätte träumen lassen. Vor 17 Jahren hat er den elterlichen Hof übernommen, "der aber eigentlich viel zu klein für die Milchviehhaltung war". Also hat Schwille eine Idee umgesetzt, die ihm schon lange im Kopf herumgespukt war. Zusammen mit seiner Frau Ilona hat er den Erlebnisbauernhof aufgezogen. Mit Kindergeburtstagen fing alles an. Dann hat er sein Angebot auch auf andere Besuchergruppen ausgedehnt. Mittlerweile ist der Schwillehof an bis zu sechs Tagen pro Woche ausgebucht.

Von Mai bis Juli ist gar kein Termin mehr zu bekommen, im April sind nur wenige Tage nicht belegt. Dass Kindergärten mit bis zu 50 Jungen und Mädchen auf einmal auftauchen, ist keine Seltenheit. Und auch Behinderte fühlen sich wohl auf dem Schwillehof, weiß der Bauer. "Einfach nur ein Huhn auf dem Schoss sitzen zu haben und es zu streicheln - das ist für viele Menschen richtig befreiend."

Aber ist Schwille manchmal nicht ein bisschen enttäuscht darüber, wie wenig die Menschen über die Tiere wissen? Überhaupt nicht, sagt er, den kaum noch etwas zum Staunen bringt. "Ich erwarte mittlerweile einfach nichts mehr von den Leuten, ich setze nichts voraus." Und überhaupt: Wenn sie den Hof wieder verlassen - dann sind sie ja so was von tierisch gut informiert. Veronika sei Dank.

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