Der Berg ruft - Bauer im Weltall

Da haben sich zwei gefunden: Blechbläser Matthias Schriefl und Ex-Operndiva Tamara Lukasheva geben im Pappelgarten ein sensationelles Konzert.

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Tuba und Alphorn zugleich: Matthias Schriefl beim Konzert der Jazzreihe im Reutlinger Pappelgarten.  Foto: 

Seine Kleidung ist der Situation angepasst. Mit krachledernen Hosen, roten Kniestrümpfen und kurzem T-Shirt mit der Aufschrift "Jodler" betritt der Allgäuer Jazztrompeter und Komponist Matthias Schriefl die Bühne. Im Schlepptau die ganz in grün gewandete ukrainische Sängerin und Pianistin Tamara Lukasheva.

Launig und lustig wird es in den nächsten zwei Stunden zugehen. Denn wenn der in Köln lebende Multiinstrumentalist Alphorn, Trompete, Flügelhorn, Tröte, Euphonium und Tuba auspackt, hat das nur ansatzweise mit ernster Musik oder Jazz zu tun.

Alles spielt sich da in einem Zwischenreich ab: Zwischen den Klängen, zwischen den Worten, zwischen eingängigen und schrägen Melodielinien, zwischen Jazz, Scatgesang und Volksmusik. Die gut 80 Besucher erleben eine kurzweilige und amüsante Klangperformance, die zum Teil durch schallendes Gelächter und spannendes Grenzgängertum geprägt ist.

Es scheint, als wollten Schriefl und Lukasheva ihrem Publikum zeigen, wie man auch zu zweit als Duo-Orchester eine außergewöhnliche Vielstimmigkeit hinbekommt. Gewiss braucht es dazu die virtuose Beherrschung mehrerer Instrumente, aber damit ist es nicht getan. Viel wichtiger sind Improvisationsgabe, Spontaneität und ein großer Sack voller Humor. Dies alles besitzt Matthias Schriefl im Übermaß.

Ganz nebenbei ist er ein Top-Instrumentalist, der gleichzeitig auf zwei Blasinstrumenten spielen kann und dessen Alphorn-Spiel sich so perfekt anhört, als spiele er auf einer Trompete. Der in der alpenländischen Tradition aufgewachsene Jazztrompeter aus Nesselwang bläst in so ziemlich alles, was sich zum Klingen bringen lässt. Und er zelebriert mit den Instrumenten eine Show, die ihresgleichen sucht.

Mal produziert er abwechselnd mit Alphorn und Trompete schwebende Töne, als wolle er die Klänge in mystische Schwingungen versetzen. Im nächsten Moment zeigt er auf einem simplen Plastikrohr, dass es kein sündhaft teures Didgeridoo braucht, um gut zu klingen. Denn bei diesem "Instrument" kommt es hauptsächlich auf Lippen- und Atmungstechnik und nicht auf die Beschaffenheit des Korpus an. Oder er lässt ein Gummi-Schwein ins Mikro grunzen, bläst in einen Luftballon und lässt die Luft rhythmisch entweichen. Diese und weitere Geräusche sampelt er mit einem kleinen Aufnahmegerät und spielt darüber ein Trompetensolo, das an den jungen Miles Davis erinnert.

Neben solch Kabinettstückchen trägt auch die ehemalige Opernsängerin Tamara Lukasheva zum Gelingen des Programms bei. Bei ihr wird Jazzgesang zum physischen Erlebnis. Mal intoniert sie ganz leise und mit viel Gefühl das ukrainisches Liebeslied "Mond", mal brilliert sie mit geschmeidigen Vokalisen, abwechslungsreichen Klangnuancierungen und ihrem warmen Sopran.

Dann wieder funktioniert sie das Publikum zum Jodelchor um und verwandelt mit Schriefl einen Jazzklassiker von Miles Davis in das verjazzte Volkslied "Bauer im Weltall". Grandios auch die vergackeierte Rap-Einlage von Matthias Schriefl mit Herbert-Grönemeyer-Stimme.

Ein köstlicher, unterhaltsamer, mit teilweise brüllender Komik angereicherter Abend, der nach zwei Stunden zu Ende geht - mit einem Ständchen für das Geburtstagskind Tobias Festl, den Veranstalter, und mit frenetischem Applaus. Eines ist sicher: Gäbe es mehr Konzerte mit derartigem Humor, der Jazz erlebte wohl einen wahren Boom - auch und gerade unter jüngeren Hörern.

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