Der Ansturm war enorm

Es war ein Überraschungspaket: das erste Reutlinger Singalong - Bachs Weihnachtsoratorium für alle zum Mitsingen, angeleitet von Wolfhard Witte, Kantor der Kreuzkirchen-Gemeinde.

|

Die britische Weltstadt London, die holländische Metropole Amsterdam, die Millionenstadt Hamburg und das romantische Heidelberg haben es: ein Singalong, ein Vokalkonzert zum Mitsingen. Nun hat Reutlingen auch eins, organisiert von Kreuzkirchen-Kantor Wolfhard Witte.

Es hat Witte garantiert schlaflose Nächte gekostet. Keiner weiß, was für Leute und wie viele kommen. Sind genügend Männerstimmen dabei? Wie wird das mit der Balance? Können sie singen? Was da alles passieren kann, wenn der Zuhörer aus seiner alten Rolle schlüpft und mitmischt!

Teilweise durfte man ja schon in den Weihnachtsgottesdiensten der Marienkirche mitwirken bei Bach. Wolfhard Witte hat den Ansatz ausgeweitet: Sämtliche Choräle und Chorsätze der Kantaten I, III und IV des Oratoriums wurden nun freigegeben zum Mitsingen.

Der Ansturm war enorm, schon zur Ansingprobe, eine Stunde vor Beginn, war die Kreuzkirche voll. Wer später kam, fand kaum einen Platz, wurde aber eingehüllt in eine raumgreifende Klangwolke der singenden Stimmen - vielstimmig, sauber, beflügelt von Begeisterung. "Es darf auch leise gesungen werden", mahnte Witte. Etliche, auch gut geschulte Laienchorsänger fanden sich ein, gruppiert nach Stimmlage. Das Alter reichte (grob geschätzt) von 15 bis 75. Aufstehen, kurz intonieren - und 200 Stimmen jauchzen und frohlocken wie himmlische Heerscharen.

Der Chorleiter brauchte ein extra hohes Podest, um von allen gehört und gesehen zu werden, Tenor Sebastian Mory als Evangelist wurde kurzerhand auf die Kanzel postiert. Es herrschte eine lockere Werkstatt- und Experimentier-Stimmung. Da war es nicht allzu tragisch, wenn eine Oboe den Faden verlor, die Präzision nicht ganz so perfekt und das Tempo etwas gemächlicher geriet als bei den Profis. Das Projektorchester zeigte sich engagiert bei der Sache, die Bläser überzeugten mit schönem Ton, die Soloviolinen durch ausdrucksstarkes Spiel.

Die Solo-Arien waren verständlicherweise nicht zum Mitsingen freigegeben; da beschränkte man sich aufs innere Singalong und genoss das Können der Solisten, allen voran Susan Eitrich mit ihrer wunderbaren Sopranstimme, assistiert von ihrer Tochter Sarah-Lena Eitrich mit weichem Alt, Sebastian Mory als wortmächtigem Evangelisten und dem Bass Martin-Ulrich Merkle. Das Verblüffendste jedoch war, dass trotz der exotischen Besetzung mit Massenchor und ungeachtet einiger Schwächen aus dem Experiment eine gelungene, geschlossene Darbietung wurde. Es gelang Wolfhard Witte erstaunlich gut, das riesige Ad-hoc-Ensemble zu koordinieren und zu einer ansprechenden Leistung zu führen. Besonders beeindruckend für die Singenden: das Konzertieren mit dem Orchester in den prachtvollen Ecksätzen. Was wünschten und schenkten sie sich als Zugabe? Klar doch: "Jauchzet, frohlocket!" Am Ende waren alle überwältigt: Wolfhard Witte vom Engagement aller Beteiligten, die Singenden vom Erlebnis, selbst mitzuwirken, und überhaupt alle von der besonderen Atmosphäre. Dem ersten Reutlinger Singalong soll ein zweites folgen.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Rote, Rikschas und viel Technik

Am Sonntag, 30. Juli, 10.30 bis 17 Uhr, laden das Tübinger Regierungspräsidium und vier Vereine zu einem Tag der offenen Tür ans Südportal des Scheibengipfeltunnels ein. weiter lesen