Den Meisterbrief bewahren

Im Vorfeld der Sommervollversammlung hatte die Spitze der Handwerkskammer zum Pressegespräch geladen - auf der Agenda standen unter anderem der Mindestlohn und ein Bleiberecht für Flüchtlinge.

|
Handwerkskammer-Präsident Harald Herrmann (links) und Hauptgeschäftsführer Dr. Joachim Eisert sprachen gestern vor der Sommervollversammlung für das Handwerk relevante Themen an.  Foto: 

Die Handwerkskammer blickt dabei, wie ihr Präsident Harald Herrmann gestern sagte, auf ein "überaus erfolgreiches Jahr" zurück. Die konjunkturelle Lage sei solide, bei der Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge befinde sich der Kammerbezirk auf einem guten Weg. Und doch gebe es, so Herrmann, "erheblichen Handlungsbedarf auf Europa-, Bundes- und Landesebene".

Von europäischer Seite ist es die Transparenzinitiative, die von Handwerkerseite kritisch gesehen wird. Aus Sicht des Kammerpräsidenten sollte der Meisterbrief in den verbliebenen 41 Handwerksberufen unbedingt als "Zulassungsvoraussetzung für die Selbstständigkeit" belassen werden. Herrmann verweist auf eine Umfrage des Zentralverbandes des deutsches Handwerks (ZDH) beim Institut für Sachverständigenwesen in Köln. 80 Prozent der 300 langjährigen Sachverständigen hätten von einer "rückläufigen oder sogar stark rückläufigen Qualitätsentwicklung bei Anbietern ohne einschlägige Berufsqualifikation in den zulassungsfreien Handwerken" gesprochen. Zudem gebe es in vermeintlich weniger regulierten Ländern wie Großbritannien viel stärkere Vorgaben als hierzulande. So seien dort für speziellere Tätigkeiten Zertifikate oder Qualifikationsnachweise erforderlich.

Beim Thema "Mindestlohn" plädierte Herrmann für eine differenzierte Betrachtungsweise - schließlich habe das Handwerk über viele Jahre gefordert, Lohndumping einzudämmen und somit die daraus hervorgehenden Wettbewerbsverzerrungen zu bekämpfen. Handwerkspolitik müsse seriös sein, das bedeute auch, Alternativvorschläge aufzuzeigen. So fordert die Handwerkskammer, die Monatslohngrenze für verschärfte Dokumentationspflichten erheblich abzusenken, für Familienangehörige - egal ob im Minijob oder einem regulären Arbeitsverhältnis für den Betrieb tätig -, sollte sie weitgehend entfallen. Auch sollte der Zoll nicht schwerbewaffnet in Betrieben erscheinen, ergänzte Hauptgeschäftsführer Dr. Joachim Eisert. Weiter dürften die Fleischerhandwerks-Betriebe nicht in einen Topf mit den Großunternehmen der Fleischwirtschaft geworfen werden. Über den CDU-Landesverband Baden-Württemberg hat die Reutlinger Kammer Anregungen und Forderungen ans Kanzleramt geschickt, von denen Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles wohl einige aufgreifen wird.

Gerade auch mit Blick auf den demografischen Wandel und den Facharbeitermangel spiele das Thema "Flüchtlinge" eine zunehmend wichtige Rolle. Hier erwartet das Handwerk, dass die Politik die Rahmenbedingungen verbessert: Um Flüchtlinge zu beschäftigten, bräuchten diese grundlegende, aber auch technisch-fachliche Basiskenntnisse der deutschen Sprache. Noch wichtiger sei jedoch eine "für jeden juristischen Laien transparente Rechtslage", so Herrmann. Der Gesetzgeber müsse klarstellen, "ob und - falls ja - zu welchem Zweck und wie lange" ein Flüchtling eingestellt werden darf. Daher fordert das Handwerk eine Regelung auf Basis der "3 + 2-Formel" - drei Jahre Ausbildung und anschließend eine mindestens zweijährige Beschäftigung als Fachkraft.

Kritisch bewertet Eisert Pläne der Großen Koalition, den umsatzsteuerfreien Leistungsaustausch zwischen Kommunen und kommunalen Zweckverbänden zu legalisieren. Insbesondere die Straßen- und Tiefbauer befürchten, dass ihnen gut ausgerüstete Bauhöfe zunehmend Konkurrenz machen.

Die Handwerkskammer Reutlingen hat das Geschäftsjahr 2014 mit einem Überschuss von rund 1,6 Millionen Euro abgeschlossen, ein Großteil davon fließt in die Rücklage. Das Geld wird in den kommenden Jahren gebraucht: "Wir planen hohe Investitionen", sagte Herrmann. Das Wohnheim neben der Bildungsakademie Tübingen soll abgerissen und neu errichtet werden, zudem werden die Werkstätten in der Akademie saniert und erweitert. Herrmann und Eisert rechnen mit Kosten von rund acht Millionen Euro - und sie hoffen, dass Bund und Land an die 70 Prozent der förderfähigen Kosten übernehmen.

Neutralität

Stadtkreis/Auskreisung In der Debatte um einen Stadtkreis Reutlingen verhält sich die Führung der Handwerkskammer neutral. "Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zur Stadtverwaltung und zum Landkreis", sagte gestern Handwerkskammerpräsident Harald Herrmann. Es gebe Gründe dafür und dagegen. Für die Betriebe würde sich mit einem Stadtkreis Reutlingen nichts ändern.

RAB

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Unterwegs in ein neues ÖPNV-Zeitalter

Der Gemeinderat hat gestern Abend mit großer Mehrheit den Grundsatzbeschluss für ein neues Stadtbuskonzept gefasst. Die Umsetzung soll im zweiten Halbjahr 2019 starten. weiter lesen