Demenz ist kein Tabuthema mehr

Die überwiegende Mehrzahl der Angehörigen von Dementen pflegen zuhause und fühlen sich dabei allein gelassen. Eine Ausstellung und ein Impulsvortrag im Samariterstift schaffen hier Öffentlichkeit.

|
Vorherige Inhalte
  • "Dement - und was jetzt?": Margrit Vollmer-Hermann von der Samariterstiftung (mit Mikrofon) moderierte das Gespräch mit den pflegenden Angehörigen Otto Keppeler und Inge Lutz (rechts). Fotos: Angela Steidle 1/2
    "Dement - und was jetzt?": Margrit Vollmer-Hermann von der Samariterstiftung (mit Mikrofon) moderierte das Gespräch mit den pflegenden Angehörigen Otto Keppeler und Inge Lutz (rechts). Fotos: Angela Steidle
  • Hartwig von Kutzschenbach, Vorsitzender der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg. 2/2
    Hartwig von Kutzschenbach, Vorsitzender der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg.
Nächste Inhalte

"Es ist keine Schande, etwas zu vergessen", sagt Hartwig von Kutzschenbach bei seinem Vortrag im rappelvollen Samariterstift zum Thema "Dement - und was jetzt?". "Wenn nicht immer gemeint wird, was gesagt wird und das Gesagte zusätzlich zum einen Ohr rein- und zum anderen wieder rausgeht", habe das einen Grund. "So benimmt man sich doch nicht" oder "der gehört weg" seien lange die Reaktionen der Gesellschaft auf Demenz gewesen. "Die Krankheit wird viel zu oft vom Ende her, von der völligen Orientierungslosigkeit gedacht", sagt der Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg e.V., "aber das ist ein ganz langer Weg".

"Im Landkreis Reutlingen leiden rund 4500 Menschen an Demenz oder Alzheimer-Demenz", zitiert Bettina Bruder von der Techniker Krankenkasse wissenschaftliche Hochrechnungen. "Fast jeder kommt im Laufe seines Lebens damit in Berührung. Glücklicherweise ist Demenz kein Tabuthema mehr." Margrit Vollmer-Herrmann von der Pfullinger Samariterstiftung fordert: "Inklusion muss auch für ältere Menschen selbstverständlich diskutiert werden."

Zwei Drittel aller Dementen werden zu Hause gepflegt, oft ohne Informationen über den Krankheitsverlauf oder über mögliche Hilfen. Ohne Unterstützung beim Umgang mit der eigenen Angst, der Enttäuschung, der Wut und der Hoffnungslosigkeit. Ehepartner oder Kinder fühlen sich Versprechen oder Moral verpflichtet. "Keiner mag sehen, wie ein Angehöriger weniger wird", sagt von Kutzschenbach.

Die pflegenden Angehörigen zehren im Laufe der Jahre zurückgezogen und isoliert ihre Kräfte auf: "Die eigenen Zukunftspläne werden aufgegeben. Das finanzielle Polster schmilzt dahin. Die zunehmende Belastung wirkt sich auf den Dementen aus. Innerhalb der eigenen Familie wird der Pflegeeinsatz selten honoriert. Das muss gut geregelt sein", sagt der Experte.

Demenz- und Alzheimer-Patienten leben mit zunehmendem Krankheitsverlauf in ihrer eigenen Realität, so von Kutzschenbach, können aber selbst nichts daran ändern. Das oberste Gesetz für den Leiter des sozialpsychiatrischen Dienstes für alte Menschen im Kreis Esslingen im Umgang mit Patienten lautet deshalb: "Der mit Demenz hat immer recht. Angehörige und Pfleger müssen sich anpassen." Teilhabe statt Rückzug, rechtzeitig Hilfe und Informationen suchen und annehmen sind die Ratschläge des Fachmanns: "Selbsthilfegruppen schenken Vertrauen und Wertschätzung", betont der Referent, "jedes Pflegeheim ist froh, wenn sich die Verwandten aktiv um ihre Angehörigen kümmern. Der Demente hat Gesellschaft, kann sich was abschauen, sich einbringen oder rausnehmen. Und jemand Fremdes hat oft größere Chancen als die eigene Tochter."

Spätestens seit Til Schweigers "Honig im Kopf" ist Demenz zwar kinoreif. Ob die Krankheit deshalb leichter zu verkraften ist, wagen Inge Lutz und Otto Keppler aus Pfullingen aber zu bezweifeln. Beide pflegen demenzkranke Angehörige. Bei Kepplers Frau verlief die Krankheit lehrbuchhaft, aufbauend auf einer Parkinson-Erkrankung. Der vermeintliche Schub kam nach einem Klinikaufenthalt. 13 Minuten anerkannte Zeit von der Pflegekasse bei einer Dauerbetreuung rund um die Uhr empfindet der Pfullinger heute noch als Hohn. Auf ambulante Dienste konnte er nicht zurückgreifen, weil sich Demenz an kein Pflege-Schema hält und seine Frau oft körperlich fitter war als er. Erst die Tagespflege brachte ihm Zeit zum Auftanken. Auch Inge Lutz pflegt zusammen mit ihrem Mann die Schwiegermutter seit mehr als zehn Jahren. "Das Versprechen meines Mannes war: solange es geht zuhause. Wie lange wir's noch hinbekommen, weiß ich nicht."

Der Nachholbedarf bei den Krankenkassen sei immens, so von Kutzschenbach. In der Publikumsrunde ging es um die Zurückhaltung bei Ärzten, die Grunddiagnose zu stellen. Dafür gebe es einfache Tests.

Bei frühzeitiger Diagnose könnten Medikamente so eingestellt werden, dass mehr Lebensqualität möglich ist. "Die Krankheit ist nicht erblich", beruhigte der Referent, "sie kommt oder sie kommt nicht. Man kann den Kopf darauf trainieren, möglichst viel von den brachliegenden kognitiven Reserven zu aktivieren." Das heißt: ins Theater gehen, Musik hören, auch im hohen Alter noch Sport treiben, unter Menschen gehen und behutsamer Körperkontakt: "Der Gefühlskanal bleibt bei Dementen bis zum Schluss offen."

Info Seit 1. Januar 2015 ist im Land das "Pflege-Stärkungs-Gesetz" in Kraft. Es ermöglicht finanzielle und personelle Hilfen. Die Krankenkassen geben darüber Auskunft.

Die Erstdiagnose Demenz kann der Hausarzt anhand einfacher Tests stellen. Eine genauere Einschätzung nimmt ein Neurologe oder Psychologe vor. Ansprechpartner ist auch die Gedächtnis-Ambulanz der Universitätsklinik Tübingen.

"Blaue und graue Tage"

Wander-Ausstellung Nicole Hartmann von der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg e.V. eröffnete am Mittwoch die Wander-Ausstellung "Blaue und graue Tage" mit Fotografien von Claudia Thoelen. Sie ist im Erdgeschoss des Samariterstifts Pfullingen noch bis Montag, 9. Februar, zu sehen. Die Alzheimer Gesellschaft ist auch Ansprechpartner für pflegende Angehörige. www.alzheimer-bw.de

SWP

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Den Blick öffnen für den anderen

Am Montag ist die zentrale Eröffnungsveranstaltung der Interkulturellen Woche, an der sich 46 Organisationen, Vereine, Stadt und Kirchen beteiligen. weiter lesen