Dem Manne helfen weder Pillen noch Spritzen

Die Wetterlage war zu unsicher. So wurde "Der eingebildete Kranke" verlegt - vom Spitalhof in die Planie 22. Zu lachen gab es trotzdem genug.

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"Der eingebildete Kranke" mit Burghard Braun in der Titelrolle (Mitte).  Foto: 

Gewiss, Tiefsinn ist etwas anderes. Dennoch ist "Der eingebildete Kranke" ein Komödien-Klassiker mit allem, was es dafür braucht: Eingefädelte Intrigen, törichte Verwechslungen, hintersinnige Kalauer, überzeichnete Figuren und, bewährte Wunderwaffe des Witzes: ein armseliger Hypochonder, der die Flucht in die Krankheit zu seinem Lebensinhalt macht.

Karin Eppler hat die Geschichte um Ärztegläubigkeit und Profitgier der Götter in Weiß sehr frei inszeniert und in die heutige Zeit verlegt. Da plaudert Argans Tochter Angelique (Alice Peterhans) mit ihrem Liebsten am Handy, der schrullige Notar Bonnefois (Michael Schneider) schlägt als Anlage ein lukratives Steuersparmodell vor, und auf der Bühne stehen vor einer heutigen Zimmerwand in Krankenhausoptik eine Waschmaschine und ein Heimtrainer.

Natürlich steht in der gut zweistündigen Komödie das Leiden und das Krankheitsbild des Hypochonders Argan im Mittelpunkt. Burghard Braun verkörpert diesen eingebildeten Kranken mit Schlafanzug und quietschbuntem Bademantel als wehleidigen, tragikomischen Tyrannen, der den lieben, langen Tag nur an sich und seine Wehwehchen denkt. Schnell wird klar: Dem Mann helfen weder Spritzen noch Pillen.

Vielmehr hat er sich aus Angst vor Einsamkeit und Tod in die Krankheit geflüchtet. Mit seiner Paranoia terrorisiert Argan seine Ärzte und macht auch vor seiner Familie nicht Halt. Und die spielen das Spiel notgedrungen mit, schließlich profitieren sie nicht schlecht von seinem Geld: Die Ärzte verdienen sich an ihm dumm und dämlich, und seine Ehefrau Belinde sehnt seinen Tod herbei, damit sie endlich an die Erbschaft kommt.

Selbst mit seiner Haushälterin Toinette (Chrysi Taoussanis) ist er im Clinch, und seine Tochter will er partout mit einem Arztsohn verkuppeln, obwohl sie mit Cleanthe (Torsten Hoffmann) einen ganz anderen liebt. Das Stück lebt von den ständigen Rollenwechseln - fünf Darsteller spielen 13 Rollen - und dem munteren Spiel um das Leben, die Liebe und den Tod.

Der zieht sich als Thema wie ein roter Faden durch das farbenfrohe Schauspiel, wird aber bewusst ins Lächerliche und Komödiantische gezogen und verliert dadurch seine Bedrohung.

Fast schon slapstickhaft bewegen sich die fünf Darsteller über die Bühne (Annette Wolf). Neben überspitzten Nonsense-Ausbrüchen wie die Begegnung mit dem singenden Tod oder der Hippie-Szene inklusive Jointrauchen bietet die Regie auch hin und wieder Hintergründiges, gesellschaftskritische Seitenhiebe und gelungene Musikeinlagen. So werden Molières Ballette durch mehrstimmigen Chorgesang ersetzt, es wird dylanmäßig Gitarre und Trompetengeige gespielt. Und wenn sich im Hintergrund die Klotür öffnet, erklingen Sterbearien aus Opern vom Band. Schauspielerisch überzeugen vor allem Titelheld Burghard Braun und der auch für die Musik zuständige Michael Schneider. Beide Darsteller beherrschen eine Art rührender Unzulänglichkeit - und wirken deshalb so komisch.

Hübsch auch die Idee, wenn immer wieder ein Türchen in der Schrankwand aufgeht und eine Hand Medikamente, Taschentücher für Liebeskummer-Tränen oder für den zu unterzeichnenden Erbschaftsvertrag reicht. Zwei Stunden dauert dieses Spiel um Ärztegläubigkeit und Profitgier, um Liebes- und Krankheitspein. Und es sind zwei amüsante Stunden - auch wenn nicht jeder Gag funktioniert. Als leichtes, sommerliches Freilufttheater passt "Der eingebildete Kranke" sicher noch besser ins Freie, in den Spitalhof.

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