Dazwischen der Ozean

Liane von Droste stellte jetzt in der Stadtbibliothek ihr Buch "Dazwischen ist der Ozean" vor, in dem sie sich mit dem Schicksal schwäbischer Auswanderer befasst, die im 19. Jahrhundert in USA emigrierten.

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Wolfhart-Dietrich Schmidt und Liane von Droste - bei der Lesung in der Stadtbibliothek - haben dem Schicksal von Auswanderern nachgespürt. Foto: Dorothee Scheurer

"Die Verpflegung war schrecklich", beschreibt Julie Hanke ihre Überfahrt auf einem kleinen Kohlenschiff von Hamburg nach New York im Jahr 1848. Doch das war nicht das Schlimmste. Zehn Wochen währte die Reise, drei davon trotzten sie schlimmen Stürmen. Sie verloren einen Mastbaum, der Proviant ging aus, das Trinkwasser stank, und ihre zweijährige Tochter Anna bekam Skorbut. Ein mitreisender Arzt brannte ihr das Zahnfleisch aus. Julie Hanke (1813-1902) schrieb ihre Erlebnisse in einem Manuskript nieder. Liane von Droste hat ihrem Schicksal und dem von drei weiteren jungen Auswanderern nachgespürt. In ihrem Buch "Dazwischen der Ozean" (edition steinlach) schafft sie es, ihnen nach über 150 Jahren wieder ein Gesicht zu geben. Sie hat Briefe und Manuskripte veröffentlicht, gleichzeitig beleuchtet sie aber auch die politischen, sozialen und gesellschaftlichen Hintergründe. Die in Nehren lebende Journalistin hat auch über den Verbleib der Familien bis heute recherchiert. Nach "Lebenswege von Auswanderern" ist dies ihr zweites Buch über dieses Thema.

Begleitet wurde sie bei der Lesung von Wolfhart-Dietrich Schmidt, der die von Hand notierten Erinnerungen von Wilhelm Heinrich Klein übertragen hat und dem Musiklehrer Hans-Jörg Lund, der die Zuhörer mit Eigenkompositionen am Klavier unterhielt.

Es gab verschiedene Gründe, weshalb sich 5,5 Millionen Deutsche zwischen 1816 und 1914 entschlossen, nach Amerika auszuwandern: Dürrejahre, Missernten, Hungersnöte, Krieg, politische Krisenzeiten (besonders die Revolution 1848), Glaubensfragen, Arbeitslosigkeit, Militärdienst, Liebe und Abenteuerlust. Der Tübinger Gustav Lenz (1827-1867) beschloss, in der unruhigen politischen Zeit um 1848 auszuwandern. Tübinger stürmten die Schweickhardtsche Mühle. Die Revolte wurde niedergeschlagen. Im Brief an seine Mutter beschreibt der 21-jährige, was er in Antwerpen für die Überfahrt alles einkaufte. Er war wohl mit seinem Einkauf nicht zufrieden, denn er schreibt auch eine Liste, was er, würde er die Reise nochmals antreten, mitnehmen würde. "Chocolade, Eier, Neckarwein, Kirschgeist und viel dürres Obst". Während die Mutter regelmäßig schrieb, kam von Gustav nur sporadisch Post. In Amerika wurde er nicht glücklich. 1854 oder 1855 kehrte Gustav nach Tübingen zurück.

Schmidt hat sich im Ruhestand mit Ahnenforschung beschäftigt. Dafür entzifferte er viele Einträge in alten Kirchenbüchern. Als ihn ein guter Bekannter bat, ein altes Familienmanuskript zu übertragen, kam er dem gerne nach. "Es war nicht einfach, diese Mischung aus deutsch, lateinisch und englisch zu übersetzen", erzählte er.

Wilhelm Heinrich Klein erlebte den amerikanischen Bürgerkrieg hautnah. Nur durch eine List gelang es ihm, nicht Soldat zu werden. Er arbeitete in vielen verschiedenen Berufen, so half er auch als Barkeeper in einer neben dem "Ford"s Theatre" gelegenen Wirtschaft in Washington aus. Häufig besuchte er die Vorstellungen. Am 14. April 1865 hatte er das Theater gerade verlassen, als der amerikanische Präsident Abraham Lincoln aus Rache von Schauspieler John Wilkes Booth erschossen wurde. Die Auswirkungen bekam auch Klein zu spüren. Das Theater wurde geschlossen, das Lokal ging ein. Turbulente Zeiten folgen. Als Wilhelm Heinrich Klein entdeckte, dass seine Frau ihn mit ihrem Hausarzt betrog, beschloss er, mit seinem Sohn wieder nach Deutschland zurückzukehren.

Die faszinierendste Persönlichkeit der vier skizzierten Auswanderer ist Julie Hanke. Sie gebar sechs Kinder, vier starben in deutschen Landen. Die beiden Töchter Emilie und Anna überlebten. Eineinhalb Jahre nach seiner Auswanderung folgte Julie mit Anna ihrem Mann Emil Hanke (den sie immer nur Hanke nannte). Die größere Tochter Emilie ließ sie auf Wunsch der Großeltern in einer Erziehungsanstalt in Gnadenthal zurück. In New York angekommen, suchte sie eine Möglichkeit nach New Orleans zu kommen. Aufgrund ihrer mangelnden Englischkenntnisse landete sie auf einem Schiff nach Kalifornien. Von Texas bis nach Nicaragua führte sie ihr weiterer Weg.

Hier erläuterte Liane von Droste anhand einer Landkarte die Reiserouten vor dem Bau der Eisenbahn von Ost nach West. Es gab zwei Möglichkeiten, bei der einen wurde das Kap Hoorn an der Spitze von Südamerika umrundet, bei der anderen ging es teilweise über Land. Im Hafen des nicaraguanischen Greytown landeten die Reisenden. Julie Hanke eröffnete mit ihren Mann ein Hotel. Obwohl sie immer wieder alles verloren, gab sie nie auf. Am Ende ging sie mit Anna zurück nach Deutschland. Sie verarmte. Während das Verhältnis zwischen Julie und Anna bis zu deren frühen Tod mit 28 Jahren sehr eng war, brach der Kontakt mit Emilie nach deren Heirat mit Francisco Alvarado, einem spanischen Konsul, ab.

Die Briefe und Aufzeichnungen bekam Liane von Droste direkt von den Angehörigen. Bei einer Autorenlesung in Freiburg kam eine ältere Dame mit einem Stapel Papier auf sie zu. Es waren das abgetippte Manuskript von Julie Hanke. "Ich habe von Ihnen und Ihrem Buch in der Zeitung gelesen. Da wusste ich, dass sie die Richtige sind", sagte Lisa Schroeter-Bieler, eine Verwandte von Julie Hanke. Das Manuskript wurde wie ein Schatz in der Familie immer weitergegeben. Liane von Droste war beim Lesen sofort von dieser außergewöhnlichen und mutigen Frau fasziniert. Den Zuhörern in der Stadtbibliothek erging es ähnlich. Gebannt lauschten sie den faszinierenden Lebensberichten, die die Autorin mit Fotos, Zeichnungen, Abbildungen unterfütterte.

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