Dass ein Zeichen wir sind

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Hegel, Hölderlin und Schelling in Tübingen: Im graffitigeschmückten Güterbahnhof untersuchen die Melchinger thea­tralisch, wie es mit den drei jungen Idealisten im Tübinger Stift zugegangen sein könnte. Das Leben ist bekanntlich eine Baustelle. Das Theater und die Geschichte sind es auch. Denn am Anfang ist nie klar, was am Ende rauskommt.

Auch der Tübinger Güterbahnhof ist so eine Baustelle, und zwar eine mit reichlich Geschichte: Jahrzehntelang waren Halle und Verwaltungstrakt zugesperrt. Der Bahnhof diente in den Weltkriegen zur Versorgung von Truppen. 1942 wurde in der Lagerhalle ein Beobachtungs- und Schießstand eingerichtet, der heute als Mahnmal an die damaligen Zwangsarbeiter erinnert. Und auch die Franzosen nutzten das Gelände für militärische Zwecke.

Als die Macher des Tübinger Sommertheaters 2017 die Lagerhalle nach über zwei Jahrzehnten offiziell wieder öffneten, fanden sich dort allerdings immer noch „Spuren von Leben“, erzählt Lindenhof-Intendant Stefan Hallmayer: Jugendliche haben hier offensichtlich immer wieder gefeiert und gesprayt, Obdachlose Schutz gesucht. Viele fanden hier aber auch den Tod: Mindestens acht Taubenkadaver wurden aus dem Gemäuer gezogen.

Der Lindenhof hat die Halle mittlerweile aufgeräumt und zu einer provisorischen Theater-Werkstatt mit Zuschauer-Tribüne umfunktioniert. Und so findet das Tübinger Sommertheater direkt „auf der Kante“ zur Zukunft statt: Man wolle „ein Kapitel der Stadt erzählen, zu der es kein Archiv gibt“, während in dem geschichtsträchtigen Gebäude zukünftig das „kollektive Gedächtnis“ – das Stadtarchiv – seine Heimat finden soll. Drum herum werden derzeit mit sehr viel Lärm über 500 Wohnungen gebaut – schon sehr krasse Probenbedingungen fürs Sommertheater, aber der Lindenhof steht ja auf Herausforderungen.

Utopien aufgreifen

Das Melchinger Theater hat sich für sein Hegel-Schelling-Hölderlin-Stück genau diesen Ort ausgesucht, weil er eine Baustelle ist, weil hier die Jugend am Werk war und weil „hier ist die Zukunft verortet“ ist. Genau hier wolle man die „Utopien von gestern und heute“ aufgreifen.

Wie genau es zwischen den drei Dichtern in ihrer „Stifts-WG“ zugegangen ist, darüber lässt sich heute nur spekulieren. Die Quellenlage ist eher mau. Es gibt nur den späteren Briefwechsel und das „Systemprogramm des deutschen Idealismus“ – vermutlich ein Gemeinschaftswerk der drei Dichter. Es ist „impulsiv und energievoll“ geschrieben und fordert die „Rückkehr der Poesie ins Leben der Menschheit“. Und überhaupt: „Der Staat soll aufhören“.

Der Stuttgarter Markus Bauer hat den Text fürs Stück verfasst: Es sei „kein historisches Stück“, vielmehr eine chorische, vielstimmige und multiperspektivische Annäherung daran, wie es gewesen sein könnte, als die drei mit 15 (Schelling) beziehungsweise 17 Jahren (Hegel und Hölderlin) in der Enge des Stifts und in einem restriktiven System verharren mussten, während drüben in Frankreich schon längst die Revolution wütete. Sicherlich mussten sie immer wieder dieser Enge entfliehen, um die Gedanken zu befreien und neue Utopien zu denken.

Regisseur Philipp Becker hat das Projekt bewusst mit ausgesprochen jungen SchauspielerInnen besetzt. Becker ist seit drei Jahren stellvertretender Leiter der Schauspielausbildung der Züricher Hochschule der Künste. Von dort hat er fünf Schauspielstudenten engagiert, die er über das Projekt „in Kontakt bringen will“ mit den ja schon sehr erfahrenen (Hölderlin)-Darstellern Bernhard Hurm, Linda Schlepps, Gerd Plankenhorn oder Franz Xaver Ott. Die Jugend überhaupt ist ein großes Thema im Stück, wie sie sich damals und heute äußert, wie sie textet, liebt, feiert oder andere (Graffiti-)Zeichen setzt.

„Das kommt in unserer Gesellschaft viel zu kurz“, findet Stefan Hallmayer. „Dass ein Zeichen wir sind“, wünschten sich ja auch schon die drei Dichter, und Zeichen setzt auch der Lindenhof im Güterbahnhof: Das „In weiter Ferne, der Mensch“-Zitat wurde von verschiedenen Sprayern in unterschiedlichen Schriftarten an die Wände gesprüht (Bühne: Anna Jacobi).

Damit will das Lindenhoftheater das Gebäude weder „versudeln“, noch verändern, aber vielleicht auch ein klein wenig die Geschichte des gezeichneten Ortes weiterschreiben. Und im besten Falle den Anstoß zu einer Diskussion über den Umgang mit solchen historischen Gebäuden geben. In Absprache mit der Stadt hat der Lindenhof aber nur die Wände besprüht, die bei einem Umbau sowieso entfernt werden müssen. Ergänzt wird das jugendliche Spiel in dem sehr breiten Raum, den die Zuschauer erst einmal erkunden müssen, von den choreografischen Einlagen der Tänzerinnen des Tanzstudios Danzon, von der Klaviermusik Susanne Hinkelbeins und den Video-Bildern von Oliver Feigl.

Das Tübinger Sommertheater „In weiter Ferne, der Mensch – Hegel Hölderlin Schelling Tübingen“ feiert seine Uraufführung in der Güterhalle im Güterbahnhof- Areal, Eisenbahnstraße 21-23, am Mittwoch, 19. Juli, 20 Uhr. Weitere Termine: 20. bis 23. und 25. bis 29.Juli; 2. bis 6. und 9 bis 13. August, jeweils 20 Uhr, sonntags 19 Uhr. Das Stück dauert etwa 2,5 Stunden.

Das Karten- und Servicebüro hat Montag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. An Veranstaltungstagen ist es zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn besetzt – unter Telefon (0 71 26) 92 93 94. Die Abendkasse im Güterbahnhof-Areal ist eine Stunde vor Vorstellungsbeginn unter Telefon (01 57) 36 18 74 28 erreichbar. Karten können auch unter karten@theater-lindenhof.de vorbestellt werden. kk

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