Das Schweigen der Lämmer

Ein Essen wird zur Henkersmahlzeit: Am Samstag feierte Herman Kochs „Angerichtet“ unter der Regie von Christoph Roos in der LTT-Werkstatt Premiere.

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Starkes Stück: Wenn die Söhne zu Verbrechern werden.  Foto: 

Ein Mord? Ein Unglück? Das Zusammentreffen unglücklicher Umstände? Oder war gar die getötete Obdachlose schuld, die da im Weg herumlag und damit den beiden Jungs die Zukunft versaut hat? Gesellschaftspolitisches Theater kann richtig zynisch und hintergründig sein. Vor allem, wenn es um so brisante Themen wie Schuld, Verantwortung, Doppelmoral und um ganz alltäglichen Rassismus geht.

Wie dies Regisseur Christoph Roos in der Romanbearbeitung „Angerichtet“ des niederländischen Autors Herman Koch inszeniert hat, trifft es nicht nur den Nerv der Zeit, sondern bietet auch sozialen Sprengstoff, wie ihn das Leben nicht besser schreiben könnte: schwarzhumorig, spannend und trotzdem nicht öde und belehrend.

Zwei Ehepaare sprechen in einem piekfeinen Restaurant über die Zukunft ihrer Söhne. Oder besser gesagt über eine unglaubliche Tat, die den Eltern schwer im Magen liegt. Was ist passiert? Die drei pubertierenden Jungs Michel, Rick und dessen Adoptivbruder Beau wollen nach einem bierseligen Abend noch etwas Geld an einem Automaten ziehen und stoßen im Vorraum der Bank auf eine schlafende Obdachlose. Aus einer harmlosen Pöbelei wird schnell ein massiver Übergriff, an dessen Ende die Frau mit Benzin übergossen wird und stirbt.

Soweit die Vorgeschichte. Das Stück beginnt damit, dass die Eltern der Jungs im Nobelrestaurant häppchenweise erfahren, dass ihre beiden 15-jährigen Söhne Michel und Rick ein Gewaltverbrechen begangen haben. Zwar sind die Täter auf dem Überwachungsvideo der Bank kaum zu erkennen, aber Beau, der schwarze Adoptivsohn und unbeteiligter Dritter im Bunde, hat die Tat aufgenommen und erpresst nun die beiden anderen Jungs mit dem Handyvideo.

Am Abend des Dinners der Elternpaare soll die Geldübergabe stattfinden. Doch vorher kommt es noch zur hitzigen Auseinandersetzung. Denn Serge (Rolf Kindermann), einer der beiden Väter, ist aussichtsreicher Kandidat auf das Amt des Ministerpräsidenten. Und Paul  (Martin Bringmann) war einst Geschichtslehrer, der wegen Kriegslob vom Unterricht suspendiert wurde. Während Paul und seine Frau Claire (Jennifer Kornprobst) verzweifelt versuchen, die Tat ihres Sohnes zu vertuschen, will sich Serge gegen den Widerstand seiner Gattin Babette (Sabine Weithöner) den Konsequenzen des Geschehenen stellen und dafür sogar seine politische Karriere opfern. Eine weitere und nicht unwichtige Figur ist der snobistische Sterne-Kellner (Heiner Kock), der die edlen Speisen und Getränke serviert und eine Art Taktgeber des Abends verkörpert.

Wenn er auftaucht, verändern sich Form und Lautstärke der Gespräche. Zudem übernimmt er bei den Rückblenden die Rollen von Pauls Schulleiter, des Psychologen und des Sohnes Michel. Neben den durchweg guten schauspielerischen Leistungen ist er die überzeugendste Figur der Aufführung, biegsam, reizvoll, zynisch, manipulierend. Spartanisch und doch die Imaginationskraft des Publikums ansprechend ist auch das Bühnenbild: Eine schiefe Ebene (Ausstatterin: Vesna Hiltmann) stellt als variabler Spielort sowohl das Lokal dar und ist ebenso Ausgangspunkt für Rückblenden.

„Angerichtet“ ist nicht nur eine subtile Abhandlung über Schuld und Verantwortung, es ist auch ein Stück über die Dehnbarkeit von Moral, über zunehmend um sich greifenden Rassismus und zynische Elternliebe. Wenn Claire etwa mit fiesem Lächeln „aber sie lag doch im Weg“ proletet oder Paul anführt, es könne doch nicht sein, dass eine Obdachlose die Unschuld in Person ist, läuft es einem kalt den Rücken herunter.

Gleichzeitig ist man als Zuschauer ständig hin und hergerissen zwischen moralethischen Prinzipien und Verständnis für Eltern, die das Beste für ihre Kinder wollen. Wie würde jeder einzelne von uns in einer solchen Extremsituation reagieren? Wie die Protagonisten des Stücks sich entscheiden, soll hier nicht verraten werden. Nur so viel: Überraschende Wendungen sind garantiert.

Nach anderthalb aufreibenden  und strapazierenden Stunden gibt es hellwachen Beifall für ein nachdenklich stimmendes und bewusstseinserweiterndes Stück.

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