Das Herz und Gesicht der AWO geht

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Gerührt zeigte sich Gisela Steinhilber bei ihrer Verabschiedung als Geschäftsführerin der AWO auch beim Ständchen ihrer haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter in der Zehntscheuer.  Foto: 

Du kannst alles – zumindest versuchen“: Das war nur einer der Sprüche, die bei Gisela Steinhilber im Büro der Reutlinger Arbeiterwohlfahrt (AWO) hingen. „Das Geheimnis des Könnens liegt im Wollen“, lautete ein anderer. Oder: „Begeisterung ist wie Benzin – die Triebkraft deines Lebens.“ In solchen Sprüchen steckt ganz viel Weisheit – und obwohl sie manchmal etwas oberlehrerhaft daherkommen: Für Gisela Steinhilber waren die klugen Worte wohl nicht nur Lebensmotto und Antrieb – sie schienen ihr geradezu auf den Leib geschneidert.

Dementsprechend fielen denn auch die Grußworte aus, die allesamt von Steinhilber als Geschäftsführerin der Reutlinger AWO der vergangenen 32 Jahre mit großer Hochachtung sprachen. So auch Landrat Thomas Reumann, der sie als „Miss AWO mit Leib und Seele“ bezeichnete. „Sie waren nicht bequem, nicht Mainstream“, so der Landrat. Er hatte das persönlich bei diversen Themen erlebt – und da war er nicht immer auf der Linie von Steinhilber oder der Liga der Freien Wohlfahrtsverbände. Dennoch war sein Grußwort an diesem Abend bei der Verabschiedung von „Miss AWO“ voll des Lobes. Und er verlieh ihr obendrein die Landkreismedaille für ihre Verdienste, die sie sich im Dienst der Hilflosen, der Wohnungslosen, der Menschen am Rande erworben hatte.

Deutliche – und mitfühlende – Worte hatte aber auch Reinhold Schimkowski in der Betzinger Zehntscheuer gefunden: „Als Geschäftsführer nimmt einem niemand was ab, jeder lädt seinen Mist bei dir ab – als Oberknecht wirfst du den Bettel jetzt hin“, sagte der Geschäftsführer der AWO Württemberg. Reutlingens Bürgermeister Robert Hahn verwies auf die Verhandlungsstärke von Gisela Steinhilber: „Sie waren immer ein selbstbewusster Partner, haben aber auch immer die Würde ihres Gegenübers geachtet.“ Hahns Fazit: „Sie haben Außergewöhnliches geleistet.“

Für die Liga der Freien Wohlfahrtsverbände sagte Günter Klinger vom Diakonieverband: „Wir haben dich immer als Streiterin im Sozialbereich erlebt.“ Gewichtige Themen waren in den zurückliegenden drei Jahrzehnten: Bezahlbarer Wohnraum, die drei Lebenslagenberichte und auch die Jugendhilfe GmbH, die als geplantes Projekt des Landratsamtes die soziale Landschaft im Kreis Reutlingen gewaltig durcheinander gebracht hatte. Da sei die Liga aber schlussendlich zusammen mit dem Landrat zu einer guten Lösung gekommen, so Klinger. Nicht gelungen sei das hingegen beim Thema des bezahlbaren Wohnraums – obwohl sich Steinhilber und die Liga mehr als 20 Jahre dafür stark gemacht hatten, sei da so gut wie nichts gelungen. Aber das war ja auch keine originäre AWO-Aufgabe, sondern war ein Beispiel für das sozialpolitische Engagement von Steinhilber.

Andere Themen in 32 Jahren „Miss AWO“? Die Gründung von DaCapo im Jahr 1993, nur ein Jahr später die Einrichtung des Aufnahmehauses für wohnungslose Männer. Wegweisend auch in Zusammenarbeit mit Pfarrer Klaus Kuntz, die Installation der ersten Oase 1995 in der Oberamteistraße – „bis heute gibt es fünf weitere“, berichtete Judith Quack aus dem Vorstand der AWO in ihrer Laudatio auf Gisela Steinhilber.

Was Gisela Steinhilber als streitbare Kämpferin für die Rechte und das Wohl der Menschen am Rand persönlich auszeichnete? „Humor in allen Lebenslagen“, so Quack. „Respekt im Umgang mit allen Menschen.“ Die Angesprochene selbst war sichtlich gerührt, immer wieder kämpfte sie mit den Tränen, auch als all ihre ehren- und hauptamtlichen AWO-Mitarbeiter zu einem Lobgesang anhoben – obwohl sie sich bis dahin strikt geweigert hatten, bei Jubiläen ein Liedchen anzustimmen. Zu „Tagen wie diesen“ von den „Toten Hosen“ sangen sie ein Loblied auf Gisela Steinhilber. Der Abend hatte jedoch klassisch begonnen, mit einem Trio der Württembergischen Philharmonie. „Wenn ich gewusst hätte, dass sich so viele über meine Abschied freuen, wäre ich noch eine Weile geblieben“, sagte die Geehrte dieses Abends schließlich selbst mit kräftigem Augenzwinkern, angesichts der großen Zahl der Gäste, die mit ihrem Kommen ihre Wertschätzung für Steinhilber ausdrückten. „Es ist für mich was ganz Besonderes, Sie alle hier heute Abend versammelt zu sehen“, so Steinhilber. „Sie waren für 32 Jahre das Herz und das Gesicht der Reutlinger AWO“, hatte Reumann gesagt. Dem ist kaum mehr hinzuzufügen.

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