Christliche Werte mit Füßen getreten

Zehn Jahre Haft fordert die Staatsanwaltschaft für den 24-jährigen Angeklagten, der als Leiter einer Pfadfindergruppe sechs Jungen über einen Zeitraum von zwei Jahren zum Teil schwer missbrauchte.

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Staatsanwältin Rotraud Hölscher verzichtete gestern darauf, jede einzelne der Taten aufzuzählen, die sie dem 24-Jährigen zur Last legt. Auch so, nach zweimonatiger Prozessdauer, erscheinen ihr die im Juni 2014 aufgedeckten Geschehnisse innerhalb der Wannweiler Pfadfindergruppe als "nüchternes Drehbuch eines billigen Pornos".

Verantwortlich macht sie dafür den jungen Gruppenleiter, der die Dynamik hinter verschlossenen Türen in Gang setzte und "im höchst eigenen Interesse vorantrieb". Zwischen 2012 und 2014 ist es zwischen ihm und den Buben im Alter von zwölf bis 14 Jahren immer wieder zu teils massiven sexuellen Kontakten gekommen. Missbraucht habe der Gruppenleiter dabei bewusst die Überlegenheitsposition gegenüber seinen Schützlingen. Statt die Jungen an der Schwelle zur Pubertät zum christlichen Glauben zu führen, habe er ihre sexuelle Neugier zu seiner eigenen gemacht, sie zu Objekten für seine Wünsche degradiert. Ausgenutzt habe er dabei die "grenzenlose Hochachtung und Bewunderung", die sie ihm entgegengebracht haben. Befeuert habe der Angeklagte seinen Heldenstatus selbst, auch um eigene Unsicherheiten zu kaschieren, durch Geschichten über angebliche Kontakte ins Rockermilieu oder als der "James Bond des BND".

Teil dieser Drohkulisse sei es gewesen, die Jungs auf einen Ehrenkodex einzuschwören, "damit nichts nach außen dringt". Kinder und Jugendliche in diesem Alter sind "extrem form- und beeindruckbar", hält Hölscher fest: "Und genau das hat der Angeklagte in massiver und perfider Art und Weise getan."

Durch den fortgesetzten Missbrauch habe er das Vertrauen der Kinder, ihrer Eltern, aber auch das der christlichen Gemeinde "komplett enttäuscht" - christliche Werte "nicht nur missachtet, sondern mit Füßen getreten".

Auch dass der Angeklagte bereits 2013 einem Vikar von sexuellen Umtrieben innerhalb der Gruppe erzählte (er verschwieg seine Beteiligung), wertet Hölscher eher als Entlastungsversuch denn als Initiative, sich selbst das Handwerk zu legen. Denn, nachdem auf Seiten der Gemeindeleitung nichts geschah, haben die Ereignisse "nochmal richtig Fahrt aufgenommen".

Das Desinteresse der Kirchenleitung verglich Nebenklagevertreterin Andrea Sautter mit dem der drei Affen: "Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen." "Das alles hätte schon ein Jahr zuvor aufgedeckt werden können", hielt sie fest. Die Folgen der Taten hätten so abgemildert werden können. Die Jungen, so berichtete sie, leiden schwer unter akuten Ängsten und sind teilweise in stationärer psychologischer Behandlung. Sautter forderte vom Angeklagten ein Schreiben, in dem er den Kindern versichert, dass sie nichts zu befürchten haben.

Auch die Verteidigung sieht "ein ganz großes Versäumnis" der Kirchenleitung darin, nicht genau hingeschaut zu haben. Anwältin Julia Geprägs sagte zu der Äußerung des Pastors vor Gericht, er könne sich nicht an einen entsprechenden Bericht erinnern: "Ich habe ihm kein Wort geglaubt." Für die Folgen der Taten macht sie aber auch die mediale Berichterstattung im Zuge des Prozesses verantwortlich. Die Schuld des Angeklagten will sie aber ebenso wie auch Verteidiger Hans-Christoph Geprägs nicht schmälern. Wie schon die Staatsanwaltschaft, legen sie aber die Reue und das kooperative Verhalten des Angeklagten in die Waagschale. Es habe bei ihm eine "Nachreifung" eingesetzt. Die Forderung der Staatsanwaltschaft nach zehn Jahren Haft blieb indes ohne konkrete Antwort. "Es tut mir leid, was ich den Kindern und den Eltern angetan habe. Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen", sagte der 24-Jährige unter Tränen. Das Urteil der Kammer fällt morgen.

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