Chaos im Ghettoblaster

|
Vorherige Inhalte
  • „Soul Kitchen“ eröffnete jetzt den Premierenreigen am Landestheater Tübingen Reutlingen – in einer Inszenierung von Dominik Günther. 1/2
    „Soul Kitchen“ eröffnete jetzt den Premierenreigen am Landestheater Tübingen Reutlingen – in einer Inszenierung von Dominik Günther. Foto: 
  • „Soul Kitchen“ eröffnete den Premierenreigen am Landestheater Tübingen – Regie führt Dominik Günther. 2/2
    „Soul Kitchen“ eröffnete den Premierenreigen am Landestheater Tübingen – Regie führt Dominik Günther. Foto: 
Nächste Inhalte

Musik ist Essen für die Seele. Und Essen ist Musik für den Magen. Auch aus dem Ghettoblaster bei „Soul Kitchen“ nach dem Film von Fatih Akin dröhnt viel heiße Musik.

Nach „Wie im Himmel“ kommt nun schon der zweite „Kultfilm“ aus den Nullerjahren auf die LTT-Bühne: „Soul Kitchen“ von Fatih Akin kam in einer Zeit ins Kino (2009), als auf allen Kanälen sinnenfreudig gekocht, geschlemmt und rezeptiert wurde, als gäbe es kein Morgen.

Eine schlimme Zeit für Menschen, denen der Gang ins Wohnzimmer wesentlich leichter fällt als in die Küche. Und warum sich Deutschland mit fast schon religiösem Eifer auf die Themen Essen, Kochen und Steinzeit-Diät stürzt, wäre eine eigene Gesellschaftsanalyse wert.

Wie auch immer: In der Gastro-Tragikomödie „Soul Kitchen“ geht’s nicht nur ums Essen, sondern auch ums Milieu. Und so spielt sie auch am LTT in einer schlecht laufenden Kneipe in Hamburg, in der sich lauter sympathische Loser tummeln.

Sie führen ein ziemlich chaotisches Leben, an dem sich wir Bürgerlichen kaum satt sehen können, wären wir doch auch gern ein bisschen vogelfrei wie sie. Aber eben nur ein bisschen. Und so bleibt uns nur der Fasching.

„Soul Kitchen“ von Regisseur Dominik Günther kommt auch ein wenig wie gelebter Dauer-Fasching daher, mit lauten, zugedröhnten Menschen in bunten Kostümen, die sich in hektischen Szenen zu unvollendeten Dialogen treffen und gerne viel singen.

Allerdings singen sie schöne Lieder, originell arrangiert und prächtig intoniert: „Hey Soul Sister“, „Rapper‘s Delight“, „Where The Wild Roses Grow“ – das Ensemble zeigt wieder seine ganze musikalische Eleganz. Aber in der Soul Kitchen wird ja nicht nur Musik gekocht, sondern auch Nahrung für die Seele, wenn es zwischenmenschlich mal wieder drüber und drunter geht.

Ein rosa Immobilienhai

Ausstatterin Sandra Fox packt das charmant abgefuckte Restaurant samt seiner illustren Mischpoke einfach in einen riesigen, nostalgischen Ghetto-Blaster – wegen der allpräsenten Musik, aber auch wegen der Street Credibility. Hier ist nämlich Authentizität noch Trumpf und das echte Ghetto am Werk – Griechen, Kriminelle, Kochkunsterotiker, Hipster – kurz bevor es gnadenlos weg-gentrifiziert wird.

Der Top-Kapitalist Neumann (Michael Ruchter) cruist als rosa Immobilienhai mit Vokuhila-Matte schon längst mit seinem Roller durchs Viertel, um die nächsten Objekte in Augenschein zu nehmen, die er platt machen kann, und um den letzten Rest Leben in der Stadt auszulöschen.

Damit die Unsicherheit zum Ausdruck kommt, wie man einen so relativ unnachahmlichen Film auf die Bühne bringen kann, zeigt man diesen Umstand: Ermis Zilelidis, im normalen Leben LTT-Inspizient, sitzt jetzt als Drin- und Draußen-Instanz, als Regisseur im Stück auf der Bühne und dirigiert das Personal in die rasant wechselnden Szenen und Dialoge. Er trinkt mit den Protagonisten Ouzo, greift ins Geschehen ein, fällt den Figuren ins Wort oder lässt unwichtige Szenen gleich ganz ausfallen. Eigentlich ein lustiger Effekt, wären die Szenen nicht so übertrieben gespielt, und würden sie nicht mit betont filmischer Hektik abgespult.

Und so verleihen die schnellen Schnitte, tausend Effekte und noch mehr optischen Gags der Restaurant-Sause zwar viel ironische Distanz, rauben der eigentlichen Story aber auch sämtliches Gefühl. Die Protagonisten sind permanent präsent, krabbeln im Radio herum, sitzen am Tisch, der sich aus dem Retro-Kassettendeck erschließt, singen aus der Lautsprecher-Box, stellen sich zum Gruppenbild „Das letzte Abendmahl“, versammeln sich an den Instrumenten oder formieren sich zum Lauschangriff, wenn bei den Hauptfiguren etwas Entscheidendes passiert: Deren Leben spielt sich eben in der Kneipe ab, die Gäste bekommen alles mit.

Und so hat Zinos Kazantsakis momentan auf allen Ebenen Pech. Er hat Liebeskummer, weil seine Freundin (Carolin Schupa) nach Shanghai zieht. Er hat Bandscheibenvorfall, muss deshalb zur Krankengymnastik (Laura Sauer) und einen neuen Koch engagieren: Andreas Guglielmetti wetzt als halbseidener Küchen-Macho nicht nur gruselig seine Messer, sondern will den Laden auch noch zu einem Gourmet-Tempel aufmotzen.

Aphrodisierende Zutaten

Dann taucht auch noch Zinos‘ Bruder Illias Kazantsakis (Thomas Zerck) auf: spielsüchtiger Knastfreigänger, Tagedieb und Nervensäge. Illias verliebt sich nicht nur unsterblich in Zinos‘ beste Kraft (Franziska Beyer), sondern richtet auch den Laden in Nullkommanichts zugrunde. Dazwischen irren Robin Dörnemann (Gesundheitsamt) und Sabine Weithöner (Finanzamt) herum und werden ganz wild, wenn mal wieder aphrodisierende Zutaten ins Essen gemischt werden. Am Ende ist auch das Publikum ganz berauscht und spendet sehr viel Beifall.

Weitere Vorstellungen 9., 24., 25., 30. und 31. März, 14. April. Tickets unter Telefon (0 70 71) 15 92 49 und www.landestheater-tuebingen.de.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung
Kommentieren

Kommentare

27.02.2017 12:56 Uhr

Fantastisch

Das würde ich mir so gerne mal live anschauen! Tolles Foto, tolle Story

Antworten Kommentar melden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Ein erster Schritt zur Marke

Die Achalmstadt will in einen Markenbildungsprozess einsteigen. Für 90 000 Euro wird sie dabei von einem Hamburger Unternehmen begleitet. weiter lesen