Bürgermeister war einst der Reichste

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Das Rathaus I im Lichterglanz: Einst, so erklärte Martin Fink seinen Zuhörern, war es allerdings um einiges größer. Foto: Evelyn Rupprecht  Foto: 

Seit exakt einer Dekade haben die Pfullinger ihren Lebendigen Adventskalender. Womit die vorweihnachtliche Veranstaltungsreihe, die die Stadt dem Team der Mentorenwerkstatt zu verdanken hat, mittlerweile fast 240 Mal über die Bühne gegangen ist – und doch konnten die Besucher am Montagabend, als sie das Dachgeschoss des Rathauses I erklommen hatten, noch eine überraschende Premiere erleben. „Auf dem Boden sitzen mussten wir in all den Jahren noch nie. Das ist das erste Mal“, stellte Monika Tischer von der Mentorenwerkstatt mit Erstaunen fest. Und ein bisschen Stolz schwang auch mit in ihrer Stimme. Denn dass die Veranstaltung so gut besucht sein würde, dass die Stühle nicht ausreichen und fast 40 Zuhörer kommen würden – damit hatte im Vorfeld keiner gerechnet. Vor allem nicht der Vortragende selbst.

„Ich bin überrascht, dass wir so viele sind. Ich hatte mit fünf bis acht Leuten kalkuliert“, blickte Martin Fink, Stadtrat und Mitglied des Geschichtsvereins, erstaunt in die Runde – und damit auch in die Gesichter von Hermann Fischer und Eva Seeger, zwei Nachfahren derer, um die es an diesem Abend gehen sollte: die Schultheiße und Bürgermeister, die im Laufe der vergangenen Jahrhunderte  an der Spitze der Pfullinger Verwaltung standen. Fink sprach am Montag aber nicht nur über die einstigen Ortsherren, sondern auch über das Gebäude,  in dem sie Dienst taten – und es noch immer tun: das Rathaus I.

Eine Bauuntersuchung hat an den Tag gebracht, dass das Fachwerkhaus ziemlich genau im Jahr 1437 erbaut wurde. „Und seit dem Jahr 1522 werden hier die Geschicke der Stadt verwaltet“, so Fink, der auch gleich mit einem Namen aufwartete: Caspar Remp war damals der Ortsherr, wie der Bürgermeister weiland genannt wurde. Und er war nicht nur das: Er war auch der reichste Mann in Pfullingen. „Ihm gehörte der halbe Ort“. Noch heute finden sich im Wappen der Stadt die Farben des Familienwappens: Blau, weiß und ein bisschen Gelb an den Quasten des Pfulbens. Dass der Reichste in einer Stadt an der Spitze der Verwaltung stand, war damals durchaus üblich. So wie es auch Usus war, dass ein Schultheiß noch einen anderen Beruf hatte. Johannes Maier, der mit seiner Familie auf einem Epitaph in der Martinskirche verewigt ist, war zum Beispiel Wirt des Gasthofs Lamm, der dort stand, wo heute die Kreissparkasse ist. „Ganz nebenbei“ hatte Maier übrigens auch noch die Pfarr- und die Schulaufsicht. Die Amtsgeschäfte sollen damals mehr im Wirts- denn im Rathaus getätigt worden sein – das für die Pfullinger trotzdem ein wichtiger Ort war. Denn ein Rathaus sollte im Mittelalter immer auch ein Zweckbau sein. In diesem Fall ein Kauf- und Kornhaus.

Über 600 Jahre hat das Gebäude beinahe unbeschadet überstanden  – bis zum Jahr 1945, als es bei Kriegsende zur Abgabestelle für Waffen und  Munition erklärt wurde. Franzosen, die im Eingangsbereich mit Granaten hantierten, hatten eine Explosion verursacht, die einen Teil des Gebäudes einstürzen ließ. Seitdem haftet dem Rathaus I der Zusatz „kleines“ an. Leider, so Fink, sei mit dem Gebäude auch ein großer Teil des Stadtarchives verbrannt, was den Pfullingern bis heute zu schaffen mache.

Wie groß das Gebäude früher war, das zeigt heute noch eine Markierung auf dem Marktplatz. An der endete denn auch der Abend über die Schultheiße und Bürgermeister.

Rathäuser hat die Stadt Pfullingen heute. Das Erste wurde im Jahr 1437 erbaut.

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