Bruch mit eingeübten Hörgewohnheiten „Total Tonal“ im Dettinger Bürgerhaus

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Dettingen. Getragene und romantisierende Kunstlieder von Schumann, Schubert und Hugo Wolf, eingebettet in flirrenden Jazz der Güte Extraklasse? Nein. Ein Konzert, das eingeübten Hörgewohnheiten folgte war es nicht, das die rund 150 Zuschauer im Dettinger Bürgerhaus am Freitagabend erlebten. Eher ein Experiment. Eines, das ebenso kühn wie gekonnt die Grenzen zwischen U- und E-Musik einriss, um die Bruchstücke kunstvoll wieder zusammenzuführen und damit einen ganz eigenen Klang- vor allem aber auch Beziehungskosmos zu schaffen.

Dass aus diesem Unterfangen kein beliebiger Mix wurde, die stilistischen Wechselbäder vielmehr zu einer zwar kontrastreichen, aber stimmigen, musikalischen Collage verschmolzen, dafür sorgte die Formation „Total Tonal“. Ein Projekt, gespickt mit Musikern, die mit zum Besten zählen, was die deutsche Jazzmusikszene zu bieten hat. Friedbald Rauscher am Klavier („Schwaben-Rap“), Schlagzeuger Joachim Fuchs-Charrier als die treibende Kraft des Projekts, das aus dem Heidelberger Raum stammende Gitarren-Saxophon-Duo Werner Goos und Knut Rössler, wie auch Kontrabassist Wladislaw Larkin bewiesen eindrucksvoll, was geschehen kann, wenn sich lang befreundete Meister ihrer Fächer zusammentun, um gemeinsam stilistische Grenzen auszutesten und bewusst zu überschreiten.

Sie sorgten nicht nur mit ebenso energiegeladenen wie feinfühlig tastenden Standards der Jazzliteratur, Improvisationen und spektakulären Soloarrangements immer wieder für Begeisterung und Szenenapplaus, sondern bereiteten auch mit nicht minder kunstvoll gestrickten Übergängen immer wieder Sopranistin Bärbel Giebeler eine Bühne. Beinahe unmerklich und fließend wandelten sich etwa unter Friedbald Rauschers Händen ein ums andere Mal die jazzigen Nachbetrachtungen des eben Gehörten zur szenischen Hinleitung und zur Fassung ihrer klassischen Gesangskunst. Da traf Georg Friedrich Händel auf Miles Davis, George Gershwin auf Maurice Ravel – die treibende Musik der Neuzeit auf die emotionale Kraft des Kunstlieds.

Nebeneinandergestellt und verstanden als zwei Seiten einer musischen Medaille, ergaben sich so vieldeutige Spannungsbögen, die über die Frage der Stilistik weit hinaus gingen. Die Zuhörer waren eingeladen, sich auf die klingende Suche nach verbindenden Elementen und musikalischen Entwicklungen zu machen, die scheinbaren Gegensätze als Kommentare, als Ergänzungen und Erweiterungen zu verstehen. Zu einer „Abenteuerreise“ hatte sie Rauscher eingangs begrüßt – und das zu Recht.

Eine Abenteuerreise hin zu den Spannungsbögen, die sich im Laufe des rund zweistündigen Konzerts allerdings abzunutzen drohte. Auch weil sich die Aufmerksamkeit, aufgrund ihrer einnehmenden Bühnenpräsenz und begeisternden Spielkunst immer weiter in Richtung der Jazzmusikanten verschoben hatte. Einem pulsierenden Schlagzeugsolo, wie Fuchs-Charrier es etwa aufs Parkett legte, kann eben auch der noch so fleißig komponierende Feingeist Hugo Wolf wenig entgegensetzen.

Gleichwohl, der Abend, veranstaltet vom Veranstaltungsring Metzingen, bot eine elektrisierende Melange aus zeitgenössischer und klassischer Musik, die wie ihre Zuhörer auch ansonsten separierte Dasein fristen. Jene Mauern zwischen U und E eingerissen zu haben, sie als gleichwertige Teile der musischen Menschwerdung über die Jahrhunderte präsentiert zu haben, das war das Verdienst von „Total Tonal“ und Bärbel Giebeler. Beide hatten sich den frenetischen Beifall der Gäste verdient.

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