Brillanz, Energie, Temperament Landesjugendorchester in der Stadthalle

Als "Hoffnungsträger" hatte die WPR das Landesjugendorchester (LJO) Baden-Württemberg in die Stadthalle geladen. Das Violinsolo spielte Lukas Stepp, die Leitung hatte Johannes Klumpp.

|
Violinsolist Lukas Stepp spielte als Zugabe einen Satz aus einer Solo-Partita von Bach. Foto: Susanne Eckstein

Der Termin war unglücklich gewählt: Da gleichzeitig die Reutlinger "Live-Nacht" lockte, wurde die Stadthalle nicht voll. Umso dichter die Atmosphäre im Großen Saal: Man sah, hörte, staunte. Da musizieren etwa 70 junge Leute zwischen 13 und 20 Jahren professionell als Orchester, von denen ein Drittel erst seit ein paar Wochen dabei ist. Geprobt wird in einer intensiven Arbeitsphase, die vor kurzem abgeschlossen worden ist. Im Grunde ist das LJO ein Projektorchester aus den besten Jugend-musiziert-Absolventen des Landes, ausgebildet meist an den Musikschulen. Und dann dieses exzellente orchestrale Niveau - nicht als Solo-Stars, sondern als eingeschworenes Team!

So schlank und spannungsreich hört man Johannes Brahms Orchestermusik selten. Seine "Tragische Ouvertüre", die im Frühjahsprogramm die ursprünglich vorgesehene, doch historisch belastete "Rienzi"-Ouvertüre von Wagner ersetzte, wirkte wie befreit von aller spätromantischen Schwere. Aus dem fein abgestimmten und spannungsreichen Zusammenspiel sprach Begeisterung für dieses Stück, aber auch eine musikalische Energie, ja Spielwut, die sich offenbar potenziert, wenn junge Hochbegabte zusammenfinden. Gastdirigent Johannes Klumpp koordinierte mit knappen Bewegungen. Ausladende Gestik wäre auch überflüssig angesichts der hohen Motivation der jungen Musiker, ihren jeweiligen Part optimal auszufüllen.

Ein schwieriges Stück folgte an zweiter Stelle: Sergej Prokofjews Violinkonzert Nr. 1, dessen eigenwillige Faktur hohe Anforderungen an die Ausführenden stellt. Der junge Stuttgarter Geiger Lukas Stepp meisterte seinen Solopart mit souveräner Technik, schlanker, agiler Tongebung und bewundernswerter Leichtigkeit, feinsinnig assistiert durch das opulent besetzte, dabei - Prokofjews Partitur minutiös befolgend - kammermusikalisch agierende Orchester. Auch wer mit Prokofjew sonst wenig anfangen kann, ließ sich bezaubern von der tänzerischen Motorik, dem ekstatischem Klangzauber und einer insgesamt tempo- und facettenreichen Darstellung, die den Aspekt der "neuen Sachlichkeit" betonte.

Robert Schumanns vierte Sinfonie als zweiter Teil des Programms hinterließ einen etwas zwiespältigen Eindruck. Zweifellos wurde die alle Sätze eng verknüpfende Partitur detailgenau, quasi makellos und mit enormem Engagement ausgeführt - in einer leichtfüßigen Perfektion, wie man sie von den "großen" Profi-Orchestern her kennt, die jedoch dazu verleitet, an der Oberfläche zu bleiben. Wo andere Jugend- und Laienorchester sich die Zeit nehmen, in die Tiefe zu gehen und - beispielsweise - Strukturen und Entwicklungen herauszuarbeiten, setzte das LJO auf Brillanz, auf Temperament und Energie.

In durchweg rasantem Tempo stürmte Schumanns Florestan ungebremst voran, nicht einmal die "Romanze" erlaubte Ruhe oder Kontemplation. Das Scherzo kam energisch zur Sache, der Übergang zum Finalsatz und dieser selbst beeindruckten durch starke Kontraste, frappierende Einwürfe und eine Spannung, die zum Ende hin effektvoll gesteigert und in sinfonischem Überschwang auf die Spitze getrieben wurde.

Großer, anhaltender Jubel mit standing ovations belohnte die jungen Musiker und Musikerinnen und ihren Leiter, die sich mit zwei ebenfalls sehr effektvoll in Szene gesetzten "Ungarischen Tänzen" von Brahms verabschiedeten.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Unterwegs in ein neues ÖPNV-Zeitalter

Der Gemeinderat hat gestern Abend mit großer Mehrheit den Grundsatzbeschluss für ein neues Stadtbuskonzept gefasst. Die Umsetzung soll im zweiten Halbjahr 2019 starten. weiter lesen