Bombast-Version der Seventies

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Crippled Black Phoenix im Sudhaus. Foto: Jürgen Spiess  Foto: 

Zwei Stunden lang macht die britische Band Crippled Black Phoenix am Samstag vor 450 Fans im gut besuchten Sudhaus Progrock vom handwerklich Feinsten: vertrackt, kraftvoll, mit Gedröhn, aber ohne Gedöns.

Selbst mancher Jazz-, Pop- oder Klassik-Anhänger, man glaubt es kaum, hat zuweilen ein Bedürfnis nach besinnungslosem Schlagzeuggeballer, nach schwer stampfenden Gitarrenriffs und hin und wieder gar nach einem sinnlosen Synthesizer-Solo. Auch ist nicht von der Hand zu weisen, dass kluge Menschen nicht immer über die Rentenreform diskutieren wollen, sondern auch gerne einfach mal die Sau raus lassen.

Deswegen – und nur deswegen – wurde einst der Progrock erfunden als Schlaumeier-Alternative zum proletarischen Heavy Metal. Und deswegen gibt es heute die Band Crippled Black Phoenix, eine einzige Hommage an die Genre-Helden der 1970er-Jahre.

Tatsächlich ist es ein Spiel ohne Kompromisse, das die 2004 von Justin Greaves gegründete Band aus Bristol präsentiert. Die britische Combo spielt bei ihrem gut zweistündigen Auftritt eine Rockmusik, die bisweilen von ihrer eigenen Cleverness überwältigt zu werden droht: Unzählige Taktwechsel und Lautstärkeverschiebungen, Ausflüge ins Atonale und synkopierte Rhythmen, angeberhaftes Fingerverknoten, psychedelische Anfälle und Lust am Lärm. Dazu ausgefeilter Bombast- und Stoner-Rock, minimalistischer Klingklang und immer wieder Anleihen bei genrefremden Musikformen, vorzugsweise bei Kraut- und Jazzrock.

In Stücken wie „Rotten Memories“, „Champions of Disturbance (Pt. 1 and 2)“ und „Scared and Alone“ vom neuen Album „Bronze“ wird nahezu das komplette Arsenal des Progrock aufgefahren. Da darf sich Keyboarderin  Helen Stanley Trompete spielend am Hardrock versuchen. Bandleader, Leadgitarrist und Mastermind Justin Greaves quält sein Instrument in aller Ausführlichkeit. Und zum Finale intonieren Crippled Black Phoenix, die beiden Vorbands Publicist UK und The Devil‘s Trade sowie das Publikum gemeinsam im Chor getragen Pathetisches.

Dabei hat sich das an diesem Abend achtköpfige Ensemble, dessen Besetzung beständig wechselt, auf seinem neuen und sechsten Album sogar etwas eingeschränkt. „Bronze“ ist im Vergleich zu seinen Vorgängern weniger komplex, verzichtet auf überlange Instrumental-Epen, hat dafür aber an Intensität und Entschiedenheit gewonnen.

So haben Crippled Black Phoenix auch keine bombastische Lightshow und besonderen Knalleffekte nötig. Die sechs Männer und zwei Frauen stehen und sitzen auf der Bühne wie angenagelt, nur die Köpfe bewegen sich zuweilen im Takt. Selbst Leadsänger und Gitarrist Daniel Änghede schlägt Wurzeln und hält sein Gesicht die meiste Zeit hinter einem rabenschwarzen Haarvorhang verborgen.

Ganz anders das Publikum: Da wird getanzt, geheadbangt, und immer wieder fliegen unzählige zur Faust geballte Hände in die Luft. Nicht wenige, die sich bei diesen Rhythmus-Gewittern, krachenden Riffs und treibenden Drums sogar in stampfende, grölende Hard- und Progrock-Teufelchen verwandeln.

Mit ihren raubauzigen, psychedelisch daliegenden Klanglandschaften und ihrer brachialen Bombast-Variante der Seventies zaubern die acht Rabauken eine wunderbare Stadion-Stimmung ins Sudhaus. Endzeitballaden geben sich die Klinke in die Hand, und die langhaarigen Musiker schnoddern sich mit einer selbstbewussten Souveränität durch ihr Programm, die selbst Jazz-, Pop- und Klassik-Anhängern Respekt abverlangt haben dürfte.

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