Blues in elf Vierteln und Beograd-Suite Chris Jarrett als Einzelkämpfer bei Tobias Festl

Räumliche und stilistische Grenzen - für den Pianisten Chris Jarrett sind sie dazu da, aufgehoben zu werden. So auch bei seinem Solokonzert in Tobias Festls Bassladen, wo er ein begeistertes Publikum hinterließ.

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Chris Jarrett, der jüngere Bruder des berühmten Keith. Foto: Jürgen Spiess

Jemand hat mal behauptet, der jüngere Bruder des großen Keith Jarrett sei der traurigste Musiker der Welt. Macht der 58-jährige Chris Jarrett doch seit vielen Jahren Musik und tourt durch die Welt, ohne auch nur ansatzweise den Bekanntheitsgrad seines älteren Bruders erreicht zu haben.

Von den Gagen, die Keith Jarrett für seine Auftritte einstreicht, kann der jüngere Chris nur träumen. Trotzdem macht er bei seinem Solokonzert keineswegs einen traurigen Eindruck. Man merkt sofort, dass der in den USA geborene und seit mehr als 25 Jahren in Deutschland lebende Pianist genau die Musik zu seiner Passion gemacht hat, die zu ihm passt - eine Mischung aus Jazz, Klassik, Filmmusik, Sonaten und atonalen Miniaturen.

Grenzen zwischen Kontinenten und verschiedenen Stilrichtungen hat er im Laufe seiner Karriere zur Genüge überschritten und überschreitet sie bis heute. Pennsylvania, Ohio, New York, Texas, Oldenburg, Koblenz und Paris waren die Stationen seines Weges.

Er hat auf einem Krabbenkutter, in verschiedenen texanischen Fabriken und New Yorker Büros gearbeitet, trampte per Anhalter durch die USA und Europa, studierte an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und fand schließlich im pfälzischen Oberotterbach als Lehrer, Komponist und Musiker sein Glück. Ein echter Glücksfall also, solch einen Musiker nach Reutlingen zu lotsen.

Und - wie erwartet - setzt sich Chris Jarrett auch bei seinem Auftritt bei "World of Basses", dem Bassladen von Tobias Festl, über sämtliche Musikstile und Zeiteinheiten hinweg. Ganz ohne die Hilfe von Notenblättern entwickelt der hervorragend Deutsch sprechende Pianist eine zeitlose Musikform auf einer erstaunlich schmalen harmonischen Basis. Er beginnt mit einem Medley aus Eigenkompositionen, einem Block voll rasanter Höchstgeschwindigkeit, aber auch voll verkopftem und bis ins Bizarre zersplitterten Jazz. Während der bekannte Bruder bei seinen Konzerten meist romantischen Mainstream-Jazz und Klassiker aus dem American Songbook favorisiert, bürstet Chris Jarrett seine Klaviersoli gegen den Strich: Ein Blues in elf Vierteln ist ebenso zu hören wie eine musikalische Satire über Jaques Offenbach, eine dreiteilige, von serbischer Musik beeinflusste Suite ("Beograd") sowie Anleihen von Neuer Musik, Sergej Prokofjew, Charles Mingus und sogar Frank Zappa.

Vehement greift der Pianist in die Tasten, verwendet Strukturen klassischer Musik und nutzt die Freiheit der Improvisation, indem er auch mal ungewöhnliche Töne durch Klavierdeckel-Zuklappen und Fingergetrommel in sein Spiel integriert oder im Flügel die Saiten zum Schwingen bringt.

Nach der Pause kommen Eigenkomposition wie "Mirrow" oder "Bus for the Mad" noch konzentrierter und leichter über den Bühnenrand. Mit hartem Anschlag und einem zum Teil unglaublichen Tempo agiert der Pianist und überzeugt mit einem fulminanten Feuerwerk von gegenläufigen Rhythmuslinien und gewagten Tempovariationen. Dann wieder spielt er völlig in sich versunken eine ruhige Ballade. Oder er baut in eines seiner Stücke zwei Pausen ein, "die genauso lange dauern, wie in Deutschland eine rote Ampel auf rot steht". So totenstill war es seit John Cage und seinem Stück "433" bei einem Konzert schon lange nicht mehr.

Fazit: Diese Art von Musik kennt kein Verfallsdatum und ist eigentlich viel kühner und spannender als die seines berühmten Bruders. Klar ist nach diesem Auftritt jedenfalls: Der traurigste Musiker der Welt ist nicht der jüngere Chris, sondern vielleicht eher der ältere Keith, der in den letzten Jahren weniger durch musikalische Höhenflüge als durch seine labile Konzentrationsfähigkeit auf der Bühne aufgefallen ist.

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