Blessing - ein Lebensthema

Blessing: Der Name und die Firma sind seit 1927 mit Pfullingen eng verbunden. Doch das Ende naht - zumindest das der inzwischen leer stehenden Gebäude. Für Mitbesitzer Martin Benz fast eine Erleichterung.

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  • Hier wurden einst Briefumschläge hergestellt: Die über 1000 Quadratmeter große Halle, in der Martin Benz steht, wird bald Geschichte sein. Fotos: Evelyn Rupprecht 1/2
    Hier wurden einst Briefumschläge hergestellt: Die über 1000 Quadratmeter große Halle, in der Martin Benz steht, wird bald Geschichte sein. Fotos: Evelyn Rupprecht
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    Ende des Jahres schon könnten Teile von Blessing abgerissen werden.
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Der Urenkel des Firmengründers Robert Blessing ist mit seiner Weinhandlung und der Agentur KontrastPlus die letzte verbliebene Partei inmitten von 8000 Quadratmetern Fläche, die seit Ende 2014 brach liegen. Und auch er wird in diesen Jahr ausziehen. Den 30. September hat der Käufer des Blessing-Areals, der Reutlinger Investor Schöller & Partner, als Auszugstermin ihm genannt. Das ist früher als ursprünglich geplant - weshalb Martin Benz sich sicher ist, dass die Abrissbagger nicht erst 2016, sondern schon im vierten Quartal dieses Jahres anrücken werden. Dann wird der gesamte Gebäudekomplex - abgesehen von den Verwaltungsbauten, in denen die Firma Bosch eingemietet ist und die im Besitz der Blessing GmbH & Co. KG bleiben - dem Erdboden gleich gemacht.

Zu dem Zeitpunkt dürften auf der anderen Seite der Kaiserstraße, dort wo jetzt noch ein großer Parkplatz ist, bereits Rohbauten stehen. Auch hier heißt der Investor, der drei Mehrfamilienhäuser baut, Schöller & Partner (wir berichteten). Und auch hier scheinen die Reutlinger schneller auf die Baustelle zu kommen als geplant: Nicht erst im zweiten Halbjahr, sondern schon im Frühjahr könnte es hier losgehen - wenn Benz den großen Öltank, mit dem die Firma Bosch teilweise versorgt wird, abbauen lassen kann. "Also gleich nach Ende der Heizperiode", erklärt er.

Dass alles viel zügiger geht als gedacht - das ist für den Geschäftsführer der Blessing GmbH & Co. KG, der das Areal momentan noch gehört, eine immense Erleichterung. Schließlich gehen die Grundstücke und Gebäude erst in den Besitz von Schöller & Partner über, wenn die jeweiligen Baugenehmigungen für die einzelnen Bauabschnitte erteilt sind. "So lange muss ich die Häuser instand halten und beheizen und im Moment fehlende Einnahmen von monatlich 10 000 bis 12 000 Euro überbrücken", erklärt Benz, der seit Ende 2014 im Wesentlichen nur noch die Mieteinnahmen von Bosch hat. Denn die über 20 Kleinbetriebe, die er auf dem Areal in einer Art Gewerbepark angesiedelt hatte, mussten im November ausziehen. Seitdem residiert Benz hier allein - mal abgesehen von einem Mieter, der sich weigert, zu gehen.

Für Benz wird Blessing aber auch dann, wenn auf dem Areal schon die Wohn- und Geschäftsbauten von Schöller & Partner stehen, noch "ein Lebensthema bleiben". Denn noch immer gibt es da die Unterstützungs-Kasse für die pensionsberechtigten ehemaligen Mitarbeiter, die, so Benz, teils sogar Jahrgang 1968 und damit noch jünger als er sind. Sie alle bekommen von Blessing eine Zuzahlung auf die Rente. "Bei manchen sind das Minimal-Beträge, bei anderen ist es schon etwas mehr". Aber alle, das weiß Benz, sind auf das Geld angewiesen. Denn die Altersarmut, sagt er, "ist wirklich ein Thema." Also wird es die Blessing GmbH Co. KG schon allein deshalb wohl noch Jahrzehnte geben, weil sie ihre Zuzahlungen leisten muss - die übrigens auch über die Bosch-Mieteinnahmen finanziert werden.

Über die Unterstützungs-Kasse haben sich "die Altvorderen wohl keine großen Gedanken gemacht, als sie sie eingeführt haben", blickt Benz auf das Tun seiner Vorfahren und der Blessing-Gesellschafter zurück. Ein Steuersparmodell sei's gewesen - "in den fetten Jahren."

Die fetten Jahre - sie sind längst vorbei, als Martin Benz im Jahr 2000 auf Drängen seines Vaters in die Firma einsteigt und die Geschäftsführung in der Briefumschlagfabrik übernimmt. Das Internet und seine Folgen für die papierverarbeitende Industrie hatten die Pfullinger bis dahin unterschätzt. In den Jahren 2005 bis 2007 folgen mehrere Entlassungswellen, die Fusion mit der Kirchheimer Otto Ficker AG, die Gründung der BlessOF GmbH und schließlich die Hoffnung auf einen liberalisierten Postmarkt, die sich aber zerschlägt. 2008 verkaufen die Pfullinger an Mayer-Kuvert in Heilbronn, wo bis heute unter dem Namen BlessOF produziert wird.

Für Benz waren der Niedergang der Firma und vor allem die Gespräche mit den Leuten, die er entlassen musste, eine harte Zeit. Eine, die auch gesundheitlich an ihm gezehrt hat. Und doch ist er stolz, "dass wir nie Insolvenz anmelden mussten." Und er ist sich sicher: Die Firma hätte, bei all seinen Bemühungen, nur eine schlechtere, nie eine bessere Entwicklung nehmen können.

Dass das Areal - er hat es mit den 680.000 Euro, die er aus Gebäudeverkäufen zusammenbekommen hat, sanieren und ab 2009 zu einem Gewerbepark umbauen können - nicht ewig in dieser Form bestehen würde, war Benz seit langem klar. Seit die Stadt ihn drängte, eine Nutzungsänderung zu beantragen - deren Konsequenz auch neue Brandschutzauflagen waren.

Die halbe Million Euro, die Benz hätte investieren müssen, hatte er nicht. Also hat er die Investoren-Suche forciert - und ist nach vielen "Luftnummern" mit anderen Gesprächspartnern schließlich bei Schöller & Partner gelandet. Für Benz ein Glücksfall, zugleich aber zumindest das "optische Ende" der Firma Blessing, deren Bauten von ihrer Substanz her zwar noch Jahrzehnte überstehen könnten, aber für das Schöller-Vorhaben kaum nutzbar sind.

Wenn Martin Benz in den vergangenen 14 Jahren eines gelernt hat, "dann ist das Langmut." Den hat er beim Versuch, die Firma zu retten, bewiesen, und auch bei den Verhandlungen mit dem Reutlinger Investor. Jetzt braucht er noch einmal Geduld: Denn mit seiner Weinhandlung würde er gern in Pfullingen bleiben. Die Gespräche laufen. Einmal mehr gilt es, die Weichen für die Zukunft neu zu stellen.

Die Firma Blessing

Im Jahr 1927 übernimmt Robert Blessing die Knapp'sche Druckerei in Pfullingen und gründet sein eigenes Papierverarbeitungs-Unternehmen an der Kaiserstraße. Nach seinem Tod übernimmt seine Tochter Gertrud Benz im Jahr 1970 die Leitung der Firma, die damals 235 Mitarbeiter hat. 1979 geht die Geschäftsführung an ihren Sohn Ulrich über, im Jahr 2000 übernimmt wiederum dessen Sohn Martin die Firmenleitung. 2004 folgt die Fusion mit der Kirchheimer Otto Ficker AG (OFK) und die Gründung von BlessOF. 2007 wird nach drei Jahren der Restrukturierung klar, dass die Firma so nicht zukunftsfähig ist. 2008 verkaufen Blessing und die OFK ihre Beteiligungen an BlessOF an die Mayer-Kuvert-Network, Heilbronn.

 

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