Bitterkeit und Hoffnung

Regelmäßig zeigt Reinhold Maas Werke des Reutlinger Künstlers Winand Victor, der 2014 verstorben ist. Maas hat nun mit Victors Tochter Winni Bilder über Flucht, Vertreibung und Isolation ausgewählt.

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Winand Victors Bilder besitzen geistige Tiefe und bleibende Aktualität: Gurdun Krüger (links) und Winni Victor in der Galerie Reinhold Maas.  Foto: 

Es ist ein heikles Thema, zumal in diesen Zeiten: Flucht, Vertreibung und Isolation. Davon handeln die Bilder, die der am 27. April 2014 verstorbene Reutlinger Maler und Grafiker Winand Victor, geprägt von seinen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit, geschaffen hat.

Winand Victor erlebte den Zweiten Weltkrieg fünf Jahre lang als Soldat mit. Seine Erfahrungen verarbeitete er, indem er nach dem Krieg mit Günter Bruno Fuchs und anderen Künstlern in Reutlingen die Gruppe "telegramm" gründete.

Mit ihren Bildern und Texten, die von Zerstörung, Bedrohung und Krieg handeln, versuchte die Gruppe, die Erinnerung an die Schrecken der jüngsten Vergangenheit durch die Aufforderung zu kommunikativer Auseinandersetzung wach zu halten. "Bereits der Titel der Ausstellung weist darauf hin, dass es um Bilder geht, die eine deutbare Aussage, ein erkennbares Sujet haben", sagte die Frankfurter Kunsthistorikerin Dr. Gudrun Körner zur Eröffnung dieser Tage.

Denn die ausgestellten Bilder, die in einem Zeitraum von fünf Jahrzehnten (1955 bis 2005) entstanden sind, erzählen von Gewalt, Aufbruch, Anderssein und vom Schrecken der Grenzerfahrung Krieg. "Offen" seien diese Bilder, "niemals eindeutig", so Gudrun Körner. Victors Werke berichten, sie fragen, verweigern sich und geben doch überraschend Aufschluss.

Vieldeutige Botschaften sind in ihnen versteckt. Verstörendes, Vertrautes, Banales und intime Erinnerungen fügen sich zu einer großen, endlosen Erzählung, einem Drama aus existenzbedrohenden Situationen zusammen.

Doch die Bilder verstören nicht nur mit ihrer Offenheit und ihrem humanen Anliegen, "sie sind auch schön und bieten damit im alten Sinne Kunstgenuss", fährt Körner fort, die den Künstler zu Lebzeiten nicht kennengelernt hat.

Die Ausstellung zeigt eine Auswahl aus Victors Werk, das zwar gegenstandslose Bilder enthält, "dessen Schwerpunkt aber figürlich ist", so Körner. Das bildliche Beziehungsgeflecht aus Farben, Konturen und Linien gibt den Flächen Rhythmus. Bildstrukturen greifen wie Wimpern in den Bildraum, scheinen Signale zu geben, zu kommunizieren.

Das früheste Werk der Ausstellung ist das Bild eines toten Pferdes, entstanden 1955. Ein verendeter Grauschimmel in kalter, karger Winterlandschaft. Das leidende Tier wird hier zum Symbol für eine stumme, geschundene Kreatur, die "nicht mehr als Teil der Kriegsmaschinerie angesehen wird, sondern als Mitleid erregendes Opfer".

Das Gemälde "Leierkastenmann am Strand" aus dem Jahr 1973 weckt ebenfalls Erinnerungen an Krieg und Unglück: Ein einbeiniger Musikant mit Panflöte steht zwischen Sonnenschirmen und Badegästen im Sand. Auf dem fröhlich-bunten Strandbild gleicht er einer Vision, verschmilzt teilweise optisch mit Sand und Wasser. Sein trauriges Gesicht und seine Verletzung erinnern an den Krieg und stehen in krassem Gegensatz zum harmlosen Nichtstun am Strand.

Ein weiteres, häufig vorkommendes Motiv in Victors Bildern ist das Verschwinden der Einzelfigur in der Masse. Die Gemälde "Auszug aus dem gelobten Land" wie auch "Flucht durch die Wüste" (beide von 1989) zeigen die Bewegung eines großen Stroms ununterscheidbarer Wesen in der Draufsicht von weit oben.

Nicht nur in der Bildfigur des Ameisenzugs hat Winand Victor eine überzeugende Formel und damit eine ganz eigene Bildsprache gefunden. Denn seine Arbeiten haben eine verstörende Dynamik, eine wilde, kontrastreiche Farbigkeit und lassen viele Assoziationen zu - von der Renaissancemalerei und Bildern der Vertreibung aus dem Paradies bis zur Aktualität von Flucht und Krieg.

Dauer - Öffnungszeiten

Ausstellung "Winand Victor - Vertreibung" - bis 13. Januar in der Galerie Reinhold Maas, Gartenstraße 49.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11 bis 18 Uhr, Samstag 11 bis 14 Uhr.

SWP

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