Bis zum Volksaufstand

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Wer telefoniert denn da? Das Esslinger Ensemble gastierte am Freitag mit Wieland Backes in der Metzinger Stadthalle.  Foto: 

Oh, welch Zauber wohnt in diesem Wort: daheim“: Wieland Backes war mit dem Kleinstadtkarussell der WLB Esslingen zu Gast in der Metzinger Stadthalle. „Des isch des Dumme mit de Ideale: Wenn mr‘s genau nimmt demit, macht mer sich zum Narre und kauft sich eines Tages ä Pischtol. Und wenn mr‘s net genau nimmt, sind‘s keine Ideale.“

Wie sich solche Ideale zu einem amtlichen Fanatismus auswachsen können, darum geht’s im unterhaltsamen „Sheriff von Linsenbach“ von Oliver Storz. Die schwäbische Ordnungshüter-Komödie ist 1984 verfilmt und 2015 von der Esslinger Landesbühne als Theaterstück uraufgeführt worden. Im Mittelpunkt steht Hermann Zettler, der mit seinem Ordnungsfimmel den ganzen Flecken jaloux macht.

Er ist invalide, seit ihm ein Klotz auf den Zeh gefallen ist, aber noch rüstig. Und hat Visionen, die er mit seinen maßgeschneiderten Gartenbeeten auslebt. Dort müssen Frau und Tochter Zettler die Bohnenstangen ganz, ganz genau in den Boden rammen. „Das Chaos fängt beim Salat an“, heißt das Credo des groß denkenden Kleingeists: „Irgendwann sieht alles aus wie im Zigeunerlager in der Aida“ – sprich: die Welt geht unter.

Das Geschrei im Garten wiederum nervt das Hipsterpärchen oben im Loft. Rechtsanwalt Dr. Meerfeldt bequatscht daher Zettler, seinen Visionen doch Taten folgen zu lassen, endlich auf Nimmerwiedersehen-Bildungsreise zu gehen und ihm sein Haus zu verkaufen, damit endlich Ruhe ist.

Bei der Stadt regt man sich über das Parkchaos auf dem Marktplatz auf, besinnt sich auf Zettlers Ordnungssinn und engagiert ihn als Parkwächter. Hier kann Zettler seinen Fimmel voll ausleben, meint es aber zu gut. Mit seinem „demokratischen“ Gerechtigkeits-Ideal kennt er keine Gnade, macht auch bei Großkopfeten keine Ausnahme, sich selbst aber jede Menge Feinde. Er provoziert sogar einen Volksaufstand und muss am Ende einsehen, dass jedes noch so gut gemeinte „Ideal“ auch seine Grenzen hat. Die Dosis macht eben das Gift.

Das eigentlich Spektakuläre an der Esslinger Inszenierung ist aber die Drehbühne, ein vertracktes Gebilde von Bühnenbildnerin Judith Philipp, das mit Spießerhäuschen, modernem Loft, Amtsstube, Parkplatz, Friseurladen „Haarmoni“, Kneipe, Pförtnerverschlag, Hühnerstall, Herrenboutique und jeder Menge Autos die vielen Seiten einer Kleinstadt abbildet, wo sich dann das entsprechende Personal tummelt. Und wo unter anderem in den Drehmomenten Stargastschauspieler Wieland Backes als bierflaschenschwenkender Säufer in Feinripp auf seinem Mietshausbalkon herumschwankt, wenn er nicht gerade in seinem Pförtnerhäuschen sitzt, Zeitung liest, veschpert und die Szenerie begutachtet.

So nutzt Regisseurin Christine Gnann die Komödie, die eigentlich nur als Drehbuch mit flotten, schnellen Szenen und Ortswechseln vorhanden war, um dem Publikum immer wieder atmosphärische Szenen und Stellungsbilder aus dem typischen Kleinstadt-Bilderbuch zu zeigen: quasi als dreidimensionale „Unsere kleine Stadt“-Wimmelbilder.

Das alles ist eine logistische Meisterleistung der Schauspieler, die sich in immer wieder für ihre wechselnden Rollen durch das Innere der Drehbühne winden müssen, um punktgenau an Ort und Stelle zu stehen. Zwischendurch wird im Friseursalon geschnippelt, in der Kneipe gesoffen, im Loft Tennis gespielt, in der Amtsstube Kaffee geordert und auf dem Marktplatz gestritten: Linsenbach ist eine idyllische Kleinstadthölle.

In den längeren Szenen braust Martin Theurer als ordnungs- und gerechtigkeitsfanatischer Sheriff mit seinem Motorrädle durch die Stadt, begleitet von Pluto, seiner Hundeleine, und macht sehr authentisch den Blockwart. Gesine Hannemann als seine Frau versucht verzweifelt, ihn in seinem Übereifer ein wenig auszubremsen, behält den geistigen Überblick, wenn bei ihrem Mann mal wieder alle Synapsen durchbrennen und packt im richtigen Moment die Koffer, um ihn wieder zur Vernunft zu bringen.

Seine Tochter (Elif Veyisoglu) verdreht schon viel früher die Augen. Christian A. Koch und Kristin Göpfert schauen derweil als frustrierte und deshalb intrigante Meerfeldts hochnäsig von ihrem Loft herunter. Antonio Lallo macht den wichtigtuerischen Kleinstadtpolitiker, dessen Riesen-Ego nicht in die zu niedrige Amtsstube passt, weshalb er immer den Kopf einziehen muss, während sein windiger Administrator (Tobias Strobel) in den gelenkigsten Stellungen um ihn herumschleimt. Und schon bald steht fest: Wer Nachbarn hat, braucht keine Feinde.

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