Bilder im Kopf

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Spanien, Taiwan, Südkorea, Polen, Norwegen, Österreich – und demnächst Japan. Der Hornist Felix Klieser ist weltweit gefragt. Tatsächlich hat der 1991 in Göttingen geborene Musiker eine unglaubliche Laufbahn hingelegt. Schon früh wurde er als Jungstudent an der Musikhochschule Hannover aufgenommen, bald folgten Auftritte mit Simon Rattle und eine Tournee mit Popstar Sting.

„Wunderkind“, „Shooting Star“, „Ausnahmemusiker“ – so schwärmt die Fachpresse. Ohne Arme geboren, spielt Felix Klieser sein Instrument, das durch ein Stativ fixiert ist, mit den Fußzehen. „Fußnoten“ heißt denn auch augenzwinkernd seine 2014 erschienene Autobiographie. Inzwischen hat Klieser den Leonard Bernstein Award und den „Echo“-Klassik gewonnen.

Und jetzt kommt er – vor einer Japan-Tournee – nach Metzingen. Mit dem Landesjugendorchester Baden-Württemberg (LJO) unter Dirigent Johannes Braun spielt Felix Klieser am Donnerstag, 27. April, 20 Uhr, das 1. Hornkonzert Es-Dur von Richard Strauss, zudem erklingt Beethovens Dritte, die „Eroica“ und zum Auftakt „Endorphin“, ein Concerto grosso des deutsch-dänischen Komponisten Søren Nils Eichberg (Jahrgang 1973).

Dieser Tage erreichten wir Felix Klieser und führten mit ihm ein E-Mail-Interview.

Herr Klieser, wo sind Sie, was machen Sie gerade – zwischen welchen Auftritten?

Felix Klieser: Zurzeit sitze ich in München im Hotel und bin sehr glücklich. In den letzten drei Tagen habe ich zusammen mit dem Geiger Andrej Bielow und dem Pianisten Herbert Schuch im Studio des BR eine wunderbare Kammermusik-CD eingespielt. Allein die Vorbereitung hat schon viel Spaß gemacht, und ich hoffe, das hört man dann auch im September, wenn die CD erscheint. Ab 21. April gehe ich dann mit dem Landesjugendorchester Baden-Württemberg auf Tour. Wir spielen in sechs Städten und auch darauf freue ich mich sehr.

Ihr Terminplan führte Sie schon um die halbe Welt von Taiwan bis Norwegen – zwischendurch spielen Sie in München und Metzingen, und demnächst geht‘s nach Japan. Wo fühlen Sie sich zu Hause? An einem Ort oder in der Musik?

Ich habe einen wirklich tollen Beruf. Ich darf reisen, darf Musik machen und lerne die Welt kennen. Auch wenn man oftmals von den vielen Städten und Ländern leider gar nicht so viel mitbekommt, wie man eigentlich möchte. Doch ab und zu hat man zwischendurch auch ein paar freie Tage, und dann versuche ich, so viel wie möglich zu sehen und zu erleben. Mein Zuhause ist aber Hannover, und ich bin auch immer wieder froh, dorthin zurück zu kommen.

Das Horn gilt als äußerst schwierig, bei keinem anderen Instrument hört man die Fehler so genau. Wie gehen Hornisten, wie gehen Sie damit um?

Ich befürchte, Fehler hört man auf jedem Instrument sehr genau. Beim Horn liegen die Töne nur sehr, sehr nah beieinander, und wenn man nicht aufpasst, kann es sehr leicht zu den berüchtigten Kieksern kommen. Ich setze natürlich alles dran, diese unsauberen Töne zu vermeiden, aber ich bin kein Zauberer. Es kann schon vorkommen, und dann heißt es: nicht aus der Ruhe bringen lassen, weiter im Takt.

Sie spielen mit den Zehen des linken Fußes. Die Möglichkeiten, die Hornisten mit einer Hand im Schalltrichter erzeugen, haben Sie auf andere Weise erreicht – wie?

Mit den Füßen bediene ich lediglich die Ventile des Instrumentes. Damit verlängere oder verkürze ich den Weg der Luft. Der eigentliche Ton wird mit den Lippen, dem Luftdruck und der Zungenstellung erzeugt. Als ich als kleiner Junge anfing, klang mein Spiel sehr hell, fast wie eine Trompete. Daran habe ich jahrelang gearbeitet, und ich arbeite noch heute daran. Das eigentlich Komplizierte war ja die Tatsache, dass es keinen Lehrer gab, der mir in dieser Hinsicht Tipps geben konnte. Aber mit den Jahren habe ich es immer besser hinbekommen, und jetzt kann ich stolz behaupten, dass es keine Hand im Schalltrichter braucht, um die Töne zu verändern.

Was waren Ihre eindrücklichsten Auftritte? An was erinnern Sie sich, wenn Sie an die Tournee mit dem Popstar Sting zurückdenken?

Ich freue mich immer, wenn am Ende des Konzertes das Publikum begeistert ist. Manche kommen auch noch zum CD-Stand und kaufen meine Musik. Dann weiß ich immer, dass ich alles richtig gemacht habe. Und das macht jedes Konzert zu einem besonderen Konzert. Bei den Konzerten mit dem Bundesjugendorchester und Sting war das ganz anders. Riesige Hallen, viele schreiende und jubelnde Menschen, es wurde mitgesungen, und die Leute haben gefeiert. Das war auch sehr schön, passiert aber auf meinen Konzerten doch eher selten.

Wenn Sie Musik spielen, haben Sie dabei Bilder im Kopf?

Ja, ich habe tatsächlich Bilder im Kopf. Die entstehen ganz automatisch, und manchmal kann ich mich hinterher gar nicht so richtig erinnern. Aber wenn ich zum Beispiel einen schönen warmen Ton erzeugen möchte, kann es sein, dass ich tatsächlich an eine warme Badewanne mit viel Schaum denke.

Sie haben begehrte Preise wie Echo und Bernstein Award gewonnen: Was sind Ihre nächsten Projekte?

Die Kammermusik-CD, die wir jetzt in München aufgenommen haben, wird im September veröffentlicht. Da gibt es im Vorfeld immer recht viel zu tun, auch wenn die Aufnahme jetzt zum Glück im Kasten ist. Ich muss mich auf die Tour mit dem LJO vorbereiten, spiele noch andere Konzerte in Deutschland, und dann geht es Mitte Juni für drei Wochen nach Japan. Dort spiele ich acht Konzerte, mal mit Orchester, mal nur mit einem Pianisten. Darauf freue ich mich sehr. Mir wird auf jeden Fall nicht langweilig.

Kürzlich spielten Sie im Bundestag anlässlich des Holocaust-Gedenktages ein Werk eines als „entartet“ gebrandmarkten Komponisten – ein ungewöhnlicher Auftritt, was waren Ihre Eindrücke?

Das war wirklich ein sehr bewegender Auftritt. Bundestagspräsident Norbert Lammert hat eine sehr eindrückliche Rede gehalten, und dann gab es einige Zeitzeugenberichte aus der Nazizeit. Ich habe Politiker gesehen, die sich heimlich die Tränen aus dem Gesicht gewischt haben. Mir persönlich wurde mal wieder sehr klar, wie gut es uns allen geht und wie wertvoll die Freiheit ist, in der wir leben. Ich habe zum Ende hin ein Stück von Norbert von Hannenheim gespielt, der in einer „Euthanasie“-Klinik gestorben ist. Ich bin sehr froh, dass ich bei diesem Gedenktag dabei sein durfte.

Viele reden von einer Krise der klassischen Musik: zu wenig junges Publikum? Wie sind Ihre Erfahrungen?

In Deutschland sehe ich tatsächlich mehr ältere Menschen im Publikum. Vielleicht liegt es an der Art und Weise, wie die Konzerte präsentiert werden? Vielleicht ist Klassik wirklich in vielen Augen „uncool“? Vielleicht lernen zu wenig Kinder ein Instrument und lernen dadurch diese Musik gar nicht erst kennen? Deswegen freue ich mich sehr auf meine kommenden Konzerte mit dem Landesjugendorchester Baden-Württemberg. Die Musiker sind alle im Schnitt zwischen 14 und 19 Jahre alt und spielen toll zusammen. Ich habe als Jugendlicher im Bundesjugendorchester gespielt, wir haben auch ab und zu mit erfahrenen und berühmten Solisten gespielt und haben viel von ihnen gelernt. Es ist also eine Art Rollentausch für mich. In so einem Orchester ist von einer Krise der klassischen Musik sicherlich nichts zu spüren.

Termin Donnerstag, 27. April, 20 Uhr, Stadthalle Metzingen – im Programm des Veranstaltungsrings.
Tickets
Touristinfo, Am Lindenplatz 4, 72555 Metzingen, (0 71 23) 925-326 oder info@veranstaltungsring.de.

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