Bild des Monats Januar

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Hans Neumann: „Alte Föhrenstämme an einem Gebirgswasserfall“. Foto: pr/Spendhaus  Foto: 

Typische Merkmale des Jugendstils, aber auch Einflüsse des japanischen Farbholzschnitts sind hier erkennbar: Das Bild des Monats Januar im Spendhaus trägt den Titel „Alte Föhrenstämme an einem Gebirgswasserfall“, ist 1908 entstanden und stammt von dem Münchner Grafiker und „Simplicissimus“-Mitarbeiter Hans Neumann (1873 bis 1957).

Nachdem 1854 Japan durch Schiffe der amerikanischen Handelsflotte ge­zwungen worden war, nach über zwei Jahrhunderten die Isolation zur westlichen Welt aufzugeben, erlebte Europa durch die Einfuhr japanischer Waren die Konfrontation mit einer völlig neuen Ästhetik. Ab den 1860er Jahren – unter anderem durch Präsentationen insbesondere der japanischen Farbholzschnitte auf den Weltausstellungen in London, Paris und Wien – setzte eine künstlerische Rezeption größeren Umfangs zunächst bei den Impressionisten ein.

Inspiration Japan

Diese erste Generation bewunderte in den japanischen Farbholzschnitten die hellen transparenten und leuchtenden Farben, sowie die ungewöhnlichen Kompositionsformen, die durch Randüberschneidun­gen, Ausschnitte, Asymmetrien, steile Aufsichten oder das Zusammenrücken von Vorder- und Hintergrund charakterisiert sind.

Diese „Inspiration Japan“ wirkte dann in einer zweiten Welle vor allem auf Jugendstilkünstler, die – bevor expressionistische Künstler den Holzschnitt endgültig als ein Medium der modernen Kunst etablierten – die traditionsreiche Technik zu einer un­geahnten Blüte führten und in dem japanischen Vorbild die künstlerischen Ziele der Ursprünglichkeit und Einfachheit verwirklicht sahen.

Der um 1900 international verbreitete Jugendstil, weniger durch einheitliche Stilmerkma­le als durch gemeinsame Ziele einer Bewegung zu definieren, erstreckte sich über alle Bereiche der Kunst und fand Eingang in Architektur, Innen­raumgestaltung, Kunsthandwerk, Malerei und Druckgrafik. Über diese Medien sollte die Lebensumgebung des Menschen als „Gesamtkunstwerk“ gestaltet werden. Landschaftsdarstellungen wurden in diesen Auffassungen zu einem der Lieblingsthemen der Druckgrafik, nicht nur – im Zeitalter der Industrialisierung – als Ausdruck einer Sehnsucht nach dem Natürlichen, sondern auch als Bestandteil der künstlerischen Konzeptionen für den privaten Wohnraum.

Die deutsche Bezeichnung „Jugendstil“ leitet sich von der 1896 bis 1940 in München erschienenen Kunstzeitschrift „Jugend“ ab, deren Untertitel „Münchner illustrierte Wochenschrift für Kultur und Leben“ treffend die Ziele des Jugendstils benennt.

München zählte zu den einflussreichen Zen­tren des Jugendstils, auch durch die von Ernst Neumann (1871 bis 1954) mit­gegründete „Schule moderner Graphischer Künste“ –  unter anderem auch von Gabriele Münter besucht. „Eine richtige kleine Schule von Farbenholz­schnittmeistern hat sich in München eingestellt“, schreibt Hans W. Singer 1920. „Die grossen Geister fehlen darunter, der mittlere Durchschnitt aber ist gut: die Leistungen ziemlich gleichmässig. Japan wird einem mit dem etwas derberen Münchner Tempe­rament durchwachsen vorgesetzt.“ Und weiter: „Es genügt, wenn ich drei Namen her­vorhebe: wer sie gesammelt hat, hat die ganze Richtung vertreten.“

Genannt wird auch Hans Neumann, der jüngere Bruder des Schulgründers, der sich seit 1902 mit dem Farbholzschnitt auseinandersetz­te. Er galt in seiner Zeit als bedeutender Vertreter des Jugendstils und nahm 1906 an der ersten Ausstellung der Künstlergemeinschaft „Die Brücke“ teil.

Angeschnittene Motive

Auf den ersten Blick vermittelt sich in dem Motiv seines Farbholzschnitts mit starken Kontrasten von dunklen Braun- und hellen Blautönen die dramati­sche Dynamik des steil in den tiefen Abgrund stürzenden Wasserfalls und der bedrohlich am Abgrund stehenden, absterbenden Föhrenstämme. Die aufgeklappte Perspektive, der durch einen schwarzen, fensterartigen Rah­men begrenzte Ausschnitt und die stark angeschnittenen Motive geben Betrachtern die Illusion direkten Erlebens und einer natürli­chen Raumkontinuität. Der Zeitauffassung entsprechend, dienen Formen und Farben in diesem Stimmungsbild dazu, beim Betrachter unabhängig vom Dargestellten bestimmte Empfindungen auszulösen und Inhalte nicht erzählerisch, sondern unmittelbar zu vermitteln, etwa der Musik vergleich­­bar. Martina Köser-Rudolph

Öffentliche Führungen im Kunstmuseum Spendhaus: Am Freitag, 6. Januar, und am Sonntag, 8. Januar, bietet das Kunstmuseum jeweils um 15 Uhr eine öffentliche Führung durch die aktuelle Ausstellung „Der Traum vom Paradies. Max und Lotte Pechsteins Reise in die Südsee“, die einen neuen Blick auf Pechsteins legendäre Südsee-Reise im Jahr 1914 bietet. Die Reisetagebücher von Max und Lotte, die neben Gemälden und Zeichnungen des Künstlers in der Ausstellung ebenfalls zu sehen sind, offenbaren sowohl die unterschiedlichen Perspektiven als auch die Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit. In dieser außergewöhnlichen Ausstellung werden den – zum Teil noch nie gezeigten – Südseeszenen von Pechstein auch historische Fotografien und seltene Objekten der palauischen Kultur an die Seite gestellt. Der Eintritt in die Ausstellung beträgt sechs, ermäßigt vier Euro. Die Teilnahme an der Führung ist kostenlos. (6. Januar, Elvira Mienert / 8. Januar, Mirja Kinzler).

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