Besucher geben Themen vor

Die Vesperkirche ist für ein Jahr Vergangenheit. Am Dienstag, 10. März, öffnet die Citykirche in der Nikolaikirche wieder ihre Türen - ganz offensichtlich von vielen Menschen bereits sehnsüchtig erwartet.

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Sabine Drecoll und Ulrike Neher-Dietz (von links) stehen zusammen mit 17 Ehrenamtlichen ab Dienstag, dem 10. März, wieder bereit, wenn die Citykirche erneut ihre Türen öffnet.  Foto: 

Sie sind die Gesichter, die hinter der Reutlinger Citykirche stehen: Ulrike Neher-Dietz und Sabine Drecoll. Die eine ist katholische Pastoralreferentin, die andere Pfarrerin der evangelischen Kirche. Und beide sagen: "Anfangs war die Citykirche in Reutlingen schon ziemlich handgestrickt." Will heißen: Im Mai 2005 ging es los in der unrenovierten Nikolaikirche am Rande der Fußgängerzone. Sehr zentral gelegen, war diese neue Einrichtung zunächst an den drei Markttagen (Dienstag, Donnerstag und Samstag) geöffnet.

Der "Projektcharakter" ist in den zurückliegenden zehn Jahren längst verflogen, seit 2007 ist das Café mit drin, und ein Ehrenamtlichen-Team steht für Gespräche zur Verfügung. Und: Die gesuchten Förderer und Sponsoren, die für den Umbau der Kirche notwendig waren, sind tatsächlich gefunden worden. "Das hat gut geklappt, die Akzeptanz war schnell da", betont Sabine Drecoll. "Vorteilhaft war natürlich auch, dass wir ins Programm der Altstadtsanierung aufgenommen wurden." Und so konnte sich die Citykirche nach und nach entwickeln, "wobei wir das Rad ja nicht neu erfunden haben", sagt Sabine Drecoll.

Die Idee solch zentraler Gebäude, die nicht nur an Sonntagen "Kirche in den Alltag bringen", so Ulrike Neher-Dietz, stamme aus Holland, ging über die Schweiz und kam schließlich nach Deutschland. "Wobei sie in jeder Stadt wieder anders auf die jeweilige Situation angepasst wurde." Notwendig sei das allein schon deshalb, weil die Räumlichkeiten überall andere sind, in einer anderen Lage, mit jeweils anderen Schwerpunkten. Und dass in Reutlingen ein Café inmitten der Citykirche platziert wurde - "das ist wirklich einzigartig", unterstreicht Sabine Drecoll.

Eines sollen aber alle "Alltags-Kirchen" dieser Art sein: niederschwellig und mit viel Offenheit. Oder anders ausgedrückt: "Der Alltag soll mit Spiritualität zusammengebracht werden."

Lange Zeit sei jedoch diskutiert worden, ob eine Glaswand den Chorraum abtrennen sollte. Denn: Einen Raum der Stille, wie in anderen Citykirchen, gibt es in Reutlingen nicht. Aber es besteht die Möglichkeit, zu einem ungestörten Gespräch in die Sakristei zu gehen. Das müsse sich jedoch ergeben, betonen die Theologinnen.

Zurzeit werden sie von etwa 17 Ehrenamtlichen unterstützt, die an den mittlerweile fünf Öffnungstagen von Dienstag bis Samstag zwischen 10 und 17 Uhr für Gespräche vor Ort sind. Ulrike Neher-Dietz oder Sabine Drecoll stehen jeweils an Dienstagvormittagen und Donnerstagnachmittagen zur Verfügung, um seelsorgerliche Gespräche zu führen.

Inhalt dieser Gespräche muss nicht zwangsläufig der Glaube sein, sagt Sabine Drecoll. "Aber er spielt oft mit rein", ergänzt Ulrike Neher-Dietz. Wenn die Menschen in Lebenskrisen ein Gegenüber suchen, um sich mitteilen zu können, dann tauchen oft auch Glaubensfragen auf. Die Ehrenamtlichen wurden zwar in Gesprächsführung geschult, grundsätzlich ist ihre Aufgabe zunächst einmal, "einfach da zu sein", so Ulrike Neher-Dietz. Weitere Freiwillige werden dafür gesucht, auch solche, die sich vielleicht in die Organisation und Durchführung der zahlreichen Veranstaltungen einbringen können und wollen.

Denn: Die Citykirche ist sowohl ein einladendes Café, das von der Bruderhaus-Diakonie mit behindertem Personal betrieben wird, sowie der Möglichkeit, im Chorraum zur Ruhe zu kommen, einen Gebetszettel in die dafür vorgesehene Wand zu stecken oder einen Segenstext mitzunehmen ("die sind immer ruckzuck weg", so Sabine Drecoll) - obendrein bietet diese Alltags-Kirche ein Rahmenprogramm mit zahlreichen Veranstaltungen und vielen Kooperationspartnern.

So werden etwa immer wieder Gottesdienste angeboten, die eine spezielle Zielgruppe im Blick haben. Gehörlose etwa. Oder Trauernde, Frauen - oder auch Einkäufer, die etwa in der verkaufslangen Nacht eine "Oase der Ruhe" suchen. Konzerte, Filme, Vorträge und immer wieder auch Ausstellungen ergänzen das Programm. Und der Chorraum? "Der ist ein Ort der Besinnung und der Begegnung mit sich selbst und mit Gott." Dazu sollen Texte, Gebete, Symbole und Bilder einladen.

Am kommenden Dienstag, 10. März, geht es also wieder los in der Citykirche in der unteren Wilhelmstraße. Dass viele Menschen darauf warten, zeigte sich allein beim Fototermin vor der Kirche: Innerhalb von wenigen Minuten wollten vier Personen rein in das Gebäude und waren schwer enttäuscht, dass jetzt noch geschlossen ist.

Die Citykirche in Reutlingen hat sich also zu einem richtigen Erfolgsmodell entwickelt, das bestens angenommen wird. "Wir haben auch viele Rückmeldungen, dass dieses ökumenische Modell sehr gut ankommt", betonen beide Theologinnen. Wer sich für eine ehrenamtliche Mitarbeit interessiert, sollte neben der Offenheit eins noch mitbringen: "Eine positive Grundverbundenheit zur Kirche, die aber nicht missionarisch ausgerichtet sein sollte", betont Drecoll. "Denn hier geben die Besucher die Themen vor", ergänzt Neher-Dietz.

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