Besuch bei der "Konkurrenz"

Klaus Kuntz, Siegfried Wienerroither und Günter Klinger waren diese Woche in der Tübinger Vesperkirche - um zu sehen, wie dort der Betrieb läuft: ein Besuch des Leitungsteams bei der "Konkurrenz".

|
Beste Stimmung beim Besuch der Reutlinger Vesperkirchen-Größen Klaus Kuntz (rechts) und Günter Klinger (links) bei Peter Heilemann in der Tübinger Vesperkirche.  Foto: 

Klar, der Innenraum in der Tübinger Martinskirche ist deutlich größer als die Nikolaikirche in Reutlingen. Während dort acht Personen an einem großen Tisch sitzen können, sind es in der Reutlinger Vesperkirche sechs - und der Raum zwischen den Tischen ist extrem beengt. Hinzu kommt, dass in der Martinskirche 20 Tische stehen, in Reutlingen etwa 13. "Das bedeutet, dass bei uns gerade mal die Hälfte an Besuchern auf einmal essen kann", betont Wienerroither.

Fazit von Klinger als Geschäftsführer des Diakonieverbands? "Ich finde es erstaunlich, dass die Tübinger fernab von der Innenstadt, auf halbem Weg nach Lustnau ihre Vesperkirche haben - und die Menschen trotzdem kommen." Rund 400 Menschen am Tag sind das, in Reutlingen etwa 340, trotz der zentralen Lage. Diakon Peter Heilemann ist in Tübingen zusammen mit Anke Eckold als Verwaltungsangestellte bei der Gesamtkirchengemeinde zuständig für die Organisation und den Ablauf der dreiwöchigen Vesperkirche. In Reutlingen ist es eine Woche mehr, die Gesamtkosten belaufen sich in Tübingen auf rund 60 000 Euro, in Reutlingen werden 90 000 Euro jedes Jahr benötigt.

So weit ab vom Schuss sei die Tübinger Vesperkirche nun auch nicht, betont Heilemann. "Am Altenheim, nur wenige Meter von hier, kommen vier Buslinien an - und wir verteilen auch Bustickets", sagt der Diakon. Dass in Reutlingen der gesamte Ablauf fast ohne hauptamtliche Leitung funktioniert, ringt Heilemann einen Kommentar ab, der den Reutlingern gut tut: "Das wäre hier bei uns nicht denkbar."

Dabei blicken die Tübinger in den drei Wochen auf einen ehrenamtlichen Mitarbeiterstamm von 400 Personen - in Reutlingen sind es etwas über 200. Aber: Ein Mehr wäre in der Nikolaikirche auch gar nicht möglich. Zumal ein deutlicher Unterschied zwischen beiden Vesperkirchen heraussticht: In Tübingen werden alle Besucher bedient. Wie in einem richtigen Restaurant.

Noch ein Unterschied: In Tübingen kosten die Mahlzeiten nichts, in Reutlingen einen Euro für Menschen mit wenig Geld, mindestens 5,50 Euro für Solidaresser. In Tübingen steht auf jedem Tisch eine große "Spardose" in Form der Martinskirche - dort können Spenden eingeworfen werden. "Wir kommen bisher jedes Jahr raus mit dem Geld, aber das kann sich auch noch ändern, denn so langsam lassen die Spenden etwas nach", sagt Heilemann. Während die Reutlinger Vesperkirche im 18. Jahr geöffnet hat, ist das Tübinger Gegenstück "erst" im sechsten Jahr angekommen.

Diakon Horst Haar hatte die Vesperkirche in der Uni-Stadt damals angestoßen - erstaunlicherweise gegen so manchen Widerstand in der Bevölkerung und der Gesamtkirchengemeinde. "Damals hieß es, wir brauchen das nicht, eine Begründung war, dass es hier in der Sonntagskirche im Schlatterhaus schon seit 30 Jahren einen Mittagstisch gibt - das ist wirklich eine großartige Leistung", betonte Haar, der am vergangenen Dienstag in der Tübinger Vesperkirche ebenfalls mithalf. Übrigens genauso wie Eberhardt Renz, der einstige Landesbischof, der in Tübingen wohnt und seinen Dienst an einer Spülschüssel verrichtete.

Besonders beeindruckt zeigte sich Klaus Kuntz, dass in Tübingen anstatt einer Andacht ein "Tagestupfer", eine kleine Geschichte mit Inhalt und Humor, die Menschen tatsächlich zur Ruhe brachte. "Vielleicht sollten wir so was bei uns auch mal probieren." Wienerroither konnte den verhältnismäßig niedrigen Einkaufspreis von 3,20 Euro pro Mahlzeit kaum glauben. Das Essen kommt von gegenüber, vom Altenheim, "wenn wir nachbestellen, kriegen wir das innerhalb von 20 Minuten". Insgesamt befanden die drei Männer aus Reutlingen den Besuch bei der Tübinger "Konkurrenz" als bereichernd: Man könne ja durchaus auch von anderen was lernen. Nur die Räume, die lassen sich in Reutlingen nicht ändern - so gerne die "Macher" der Vesperkirche das auch würden.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

CDU will Videoüberwachung am ZOB

CDU-Gemeinderatsfraktion und Stadtverband haben jetzt einen Maßnahmenkatalog für mehr Sicherheit in der Innenstadt vorgelegt. weiter lesen