Besoffenheit nach Öl

Nicht steigende Energiepreise sind unser Problem, sondern "unsere Besoffenheit nach Öl", so von Ernst-Ulrich von Weizsäcker, der beim SPD-Jahresempfang im Spitalhof eine Allianz mit den Chinesen fordert.

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SPD-Jahresempfang im Spitalhof mit (von links): SPD-Kreisvorsitzender Sebastian Weigle, Gastredner Prof. Ernst-Ulrich von Weizsäcker, Oberbürgermeisterin Barbara Bosch, Minister Dr. Nils Schmid und SPD-Landtagsabgeordneter Klaus Käppeler. Foto: Bernd Haase

"Wie wollen wir leben?" So simpel diese Frage anmutet, so komplex sind die Möglichkeiten der Antwort. Einer, der sich intensiv damit beschäftigt und kluge wie unbequeme Antworten darauf weiß, ist Prof. Dr. h.c. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Co-Präsident des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP). Entsprechend glücklich zeigte sich die SPD in Stadt und Kreis, dass sie zu ihrem Jahresempfang am Freitag eben diesen klugen Kopf im Spitalhofsaal als Festredner begrüßen durfte. Zumal es, zumindest für die SPD, ein symbolischer Tag war, scheiterte doch genau 40 Jahre zuvor das Misstrauensvotum gegen den Bundeskanzler Willy Brandt, wie Landeswirtschaftminister Dr. Nils Schmid erinnerte. Ziel der Opposition damals - wie heute wieder in Baden-Württemberg - sei es gewesen, gesellschaftliche Modernisierungen rückgängig zu machen, so Schmid.

Wie gut für die SPD, einen wie von Weizsäcker in ihren Reihen zu wissen, der das Streben nach einer Effizienz-Revolution in der Welt-Energie-Politik auf der Agenda hat und weiß, wie man "verändern kann, ohne zu überfordern", wie der Landtagsabgeordnete Klaus Käppeler den Festredner vorstellte. Der lobte erst mal die Landesregierung - "ich bin sehr glücklich darüber, dass Baden-Württemberg auf einem großartigen Kurs ist" -, verkündete die frohe Botschaft, dass führende Wirtschaftsexperten der USA Deutschland als wirtschaftliches Vorbild preisen, um dann ans Eingemachte in Sachen Nachhaltigkeit zu gehen: "Nur als Sonntagswort, nachdem wir die Woche über schmutzige Sachen gemacht haben, funktioniert das nicht", mahnte er.

Das Grundproblem: Alle wollten so leben wie die reichen Industrienationen, dazu aber benötigte die Menschheit fünf Erden. Oder aber eine fünfmal bessere Ressourcenausnutzung. "Das ist nicht Größenwahn, das ist die Mindestanforderung", so von Weizsäcker. Wie dem aber gerecht werden? Zumal mächtige Global Player wie die USA oder aufstrebende Nationen wie Indien und Brasilien nach einem "Wachstum ohne Regeln" streben und den Europäern vorhalten, sie sollten erstmal ihren Euro retten, bevor sie über Umwelt reden, berichtet er aus den internationalen Gremien. Von Weizsäcker sieht das aber nicht als Gegensatz. Im Gegenteil: "Wir müssen die Besoffenheit nach Öl reduzieren, sonst kriegen wir den Euro nicht gerettet." Denn das Geld, das nicht nur in Griechenland für Öl ausgegeben wurde, fehle nun. Also alternative Energieträger? Die sind laut von Weizsäcker zwar sinnvoll, aber lösen das Problem nicht und seien nur in gewissen Maßen verträglich. Eine Effizienzsteigerung dagegen schon wie sparsamere Autos oder Niedrigenergiehäuser. "Wir hatten schon fünf techologische Revolutionen, die gingen aber immer zu Lasten der Natur. Wir brauchen jetzt eine Revolution für die Umwelt." Dabei scheint er nichts gegen steigende Benzinpreise zu haben. "200 Jahre lang sind unsere Energie- und Rohstoffpreise gesunken. Seit 2000 steigen sie wieder und die Leute jammern." Dabei müssten die Energiepreise parallel zu Effizienzgewinnen wie bei sparsameren Autos steigen: "Die Chinesen haben kapiert, dass die Energie nicht zu teuer, sondern zu billig ist." Von Weizsäcker will eine politisch gesteuerte ökologische Preispolitik mit Sozialtarifen, um Härten zu vermeiden, und Sonderregelungen für die Industrie, die belohnt werden soll, wenn sie weniger Energie verbraucht und dafür mehr Arbeitskräfte einstellt. Japan habe das in den 1980er Jahren vorexerziert. Auch dort hätten alle gejammert, dabei sei das Land damals technologisch dem Rest der Welt davon gezogen. Die Europäer dürften sich nicht an den Amerikanern orientieren. In den Chinesen und den rohstoffarmen Entwicklungsländern sieht von Weizsäcker viel bessere Partner für Europa.

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