Berührende Indierock-Epen

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The Notwist – hier Sänger Micha Achers – glänzten bei ihrem Konzert im rappelvollen franz.K.  Foto: 

The Notwist sind die Band für den großen gemeinsamen Nenner: Das seit Monaten ausverkaufte Konzert geriet im franz.K zur zweistündigen Demonstration, was anspruchsvollen und vor Energie berstenden Indierock angeht. Formal betrachtet hat man derart perfekte Song-Inszenierungen, einen solch gewieften Umgang mit der alten Laut-Leise-Dynamik seit Radiohead nicht mehr gehört.

Das lieben die Fans: Die Band spielt mit Verve und Energie, ihre Musik vermittelt die großen Gesten des Heavyrock. Der Sound ist breit und bis an die Oberkante gesättigt von pumpenden Dub-Bässen, treibenden Noise-Attacken und drängenden Beats. Aber sobald das Sextett aus dem bayerischen Weilheim die Wucht des letzten Akkords hat ausklingen lassen, sind sie wieder die unscheinbaren, wortkargen „No­twist-Buben“. Und Sänger Micha Achers, der sich eben noch wie Radioheads Thom Yorke an seinen englischsprachigen Texten entlangschmierte, sagt mit freundlich unprätentiöser Stimme Sachen wie „Vor 27 Jahren haben wir in Reutlingen unsere erste Platte aufgenommen“ oder „Tausend Dank, das hat sehr viel Spaß gemacht“.

Rappelvolles franz.K

Diesen Dank kann man nur zurückgeben: Das franz.K ist rappelvoll, die meisten können sich  kaum angemessen in den Sound hineinwerfen. Hier und da fliegen ein paar Haarmähnen, dort hat sich eine junge Frau mit den fiependen Rückkopplungsobertönen aufgepumpt und scheint nun mit der Musik hinweg zu schweben. Ein anderer weiblicher Fan ist entzückt, weil die Musiker auch nicht anders aussehen als ihr Freund. Und ihr Freund ist entzückt, weil er auch Gitarre spielt und es toll findet, dass „The Notwist“ solche dynamischen Prozesse initiieren, ohne sich dickbäuchiger Poser-Gesten zu bedienen. Lieber setzen sie pointierte Gitarren- und Keyboard-Sounds und Samplerloops ein, lassen eine etwas dunkel-existenzialistische Ballade in einer ruhigen Warteschleife mal durchhängen wie einen nassen Sack, bis sie schließlich doch in der großen Melancholie aufgeht wie eine schwere saftige Blüte, an der der Morgentau hängt.

Nicht erst mit ihrem neuesten Album „Superheroes, Ghostvillains & Stuff“ haben sich die beiden Brüder Markus (Gesang, Gitarre) und Micha Acher (Bass) und ihre Mitmusiker Andi Haberl (Drums), Max Punktezahl (Gitarre, Keyboard), Karl Ivar Refseth (Vibraphon) und Cico Beck (Elektronik, Gitarre, Keyboard) in der Champions League des Indierock etabliert. Die Kraft, die ihren Songs innewohnt, richtet sich nach innen wie nach außen. Der Weltschmerz und die Seelenpein, die sie verströmen, kommen ohne jede Weinerlichkeit aus. Sie sind das Konzentrat langjähriger Erfahrungen. Alles, was da von der Bühne dröhnt, wirkt ungemein austariert, organisch erweitert, neu interpretiert und geschmackvoll arrangiert.

Gelassen, aber nie eintönig

Dabei hat diese Ausnahmeband alles Äußere hinter sich gelassen, zumindest einmal alle Posen und jede modische Versuchung. Ihre Musik ist ungemein bei sich. Sie ist gelassen, aber deshalb nie eintönig, intelligent, aber nicht eitel. Dafür sorgt die Musikalität der sechs Musiker, die außer dem Schlagzeuger alle mehrere Instrumente spielen. The Notwist feiern einzig und allein die Musik und das auf eine wunderbare Art. Dabei merkt man gar nicht, wie gut die Musik ist, die man gerade hört. Und es gibt nicht viele Bands, von denen man das behaupten könnte. Neben melodischen Balladen hört man auch mal einen AC/DC-Riff, dann wieder klingen Slut durch, in deren oberbayerischen Gefilden The Notwist seit Jahren ihre Platten aufnehmen. Und ein altes Stück in einer der vier Zugaben riecht fast ein wenig wie Nirvanas „Teen Spirit“ mit ein paar umgedrehten Akkordwechseln.

Üppiger muss Rockmusik nicht werden, sparsamer auch nicht. The Notwist haben ihren Sound gefunden, auf der Bühne wirkt die Band ganz nah bei sich. Ein geniales Konzert.

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