Ben Becker kommt

|
Ben Becker gastiert mit seinem Projekt „Ich, Judas“ in der Stadthalle Reutlingen.  Foto: 

Er hatte schon immer ein Faible für die „bad boys“ – und verkörperte sie immer wieder als Schauspieler. Ben Becker beschäftigte sich mit dem Punk-Bassisten Sid Vicious, sang mit seiner Zero Tolerance Band, spielte am liebsten die schillernden Figuren im Theater und im Film, darunter Tybalt, Kindsmörder, den Lügenbaron Münchhausen, den Comedian-Harmonists-Bass Biberti und ja, auch den Tod im „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen.

Mittlerweile ist der Sohn der Schauspielerin Monika Hansen und des Schauspielers Rolf Becker – sein Stiefvater war Otto Sander – 52 Jahre alt. Und das mit dem „bad boy“-Image kann er nicht mehr hören. Es nervt ihn. Er möchte als „ernsthafter Theaterschauspieler“ anerkannt und respektiert werden.

Dennoch: Er ist noch immer kein bisschen angepasst. Seine Autobiographie trägt den vielsagenden Titel „Na und, ich tanze“. Nein, Ben Becker bleibt ein Querkopf, der auch immer mal wieder aneckt, Dinge sagt und tut, die dem Mainstream widersprechen, die nicht allen gefallen.

Dass er, der einst mit den Punks sympathisierte, seit längerem mit Bibel-Lesungen durch die Lande tourt, dürfte sich herumgesprochen haben. Aktuell ist er unterwegs mit dem Projekt „Ich, Judas – Einer unter euch wird mich verraten!“ Am Mittwoch, 8. März, 20 Uhr, ist er damit in der Stadthalle Reutlingen zu Gast, präsentiert von unserer Zeitung.

Es ist weit mehr als eine Lesung von Texten aus der Feder von Amos Oz und Walter Jens. Es ist ein inszeniertes Plädoyer für Judas, dramaturgisch strukturiert von dem Autor John von Düffel. Regie führt Ben Becker selbst.

Judas: Bis heute gilt er als Verräter, als der Jünger Jesu, der den Sohn Gottes mit seinem Kuss verraten und ans Kreuz geliefert hat. Die kollektive Verurteilung des Judas, so die Grundthese, hatte fatale Folgen: Antisemitismus, Judenverfolgung, Glaubenskriege.

Ben Becker will diese Figur rehabilitieren, die als „Sündenbock“ gilt, gebrandmarkt für alle Ewigkeit. Ein gewaltiges Projekt, denn es geht, so heißt es in der Ankündigung, um nichts weniger als um die „Korrektur des größten Fehlurteils der Glaubensgeschichte“ und um den „Widerruf eines Irrtums, der die Welt gespalten hat“.

An diesem Projekt haben sich schon ganz andere Koryphäen abgearbeitet, zum Beispiel Walter Jens: Der 2013 verstorbene Rhetoriker, Altphilologe, Bibel-Übersetzer und Literaturhistoriker hat 1975 den Roman „Der Fall Judas“ geschrieben, der sich um einen fiktiven Seligsprechungsprozess des Jüngers dreht. Zum Thema ist von Walter Jens auch die Schrift „Ich, ein Jud“ erschienen, eine Rechtfertigungstirade, die im Untertitel „Die Verteidigungsrede des Judas Ischariot“ heißt.

Bruno Ganz hat sie 1988 gespielt, viele andere auch, unter anderem Endre Holéczy in einer denkwürdigen Inszenierung am Tübinger Zimmertheater. Ben Becker ist mit seinem Projekt „Ich, Judas“ nun seit November 2015 auf Tournee. Er wird auch Partien aus dem Roman „Judas“ lesen, den Amos Oz, der bedeutende israelische Romancier, 2014 geschrieben hat. Da geht es ums Thema Verrat – ein kontroverses, religionsphilosophisches Buch.

Den Text von Walter Jens trägt Becker auswendig vor. Über den Abend sagt er: „Da geht es um die großen Themen ... von der individuellen Schuld bis hin zur Flüchtlingsthematik. Das ist keine Belehrung, das ist emotionales Theater.“ Die Grundidee ist es, Judas nicht als Bösewicht, sondern als intellektuellen Zweifler und wahren Liebenden darzustellen. Bleibt die Frage, ob es subkutan gewisse Parallelen zwischen Judas und Ben Becker gibt... 

Tausende von Zuschauern haben mittlerweile schon das „Ich, Judas“-Projekt besucht, Beckers imposante Bass-Stimme erlebt und den Inhalt debattiert. Düsseldorf, Freiburg, Konstanz, Bremen, Berlin, Hamburg, Dresden, München – das sind im März die Stationen der Tournee Ben Beckers: und eben auch Reutlingen.

Ben Becker „Ich, Judas - Einer unter euch wird mich verraten“: Mittwoch, 8. März, 20 Uhr Stadthalle Reutlingen.
Karten bei unseren SÜDWEST PRESSE-Geschäftsstellen: Reutlinger Nachrichten, Alb­straße 4, Reutlingen; Metzinger-Uracher Volks­blatt, Hindenburg­straße 6, Metzingen; Ermstalbote, Wilhelmstraße 8, Bad Urach; Alb Bote, Gutenbergstraße 1, Münsingen. Auch www.reservix.de.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Raus aus der Einförmigkeit

Ein Ort für Street Art: Am Samstag ist der erste Erweiterungsbau für das soziokulturelle Zentrum franz.K seiner Bestimmung übergeben worden. weiter lesen