Bemerkenswerte Sonderstellung in Grieshabers Werk

HAP Grieshabers Farbholzschnitt "Herbst II", 2012 in die Sammlung des Kunstmuseums aufgenommen, ist das Bild des Monats August.

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Am Ende der 1950er Jahre hatte Grieshaber nicht nur seinen eigenständigen und unverwechselbaren Personalstil entwickelt, sondern auch nationale und internationale Anerkennung erreicht. Exemplarisch stehen die Verleihung des Kunstpreises "junger westen" 1951, die Teilnahme an der "documenta I" 1955 und die Aufnahme in die Berliner Akademie der Künste. Ihm standen nunmehr Arbeitsmöglichkeiten offen, von denen er wenige Jahre zuvor nicht zu träumen gewagt hätte.

In Westdeutschland waren die 1950er Jahre von der mit Vehemenz ausgefochtenen Debatte um die Abstraktion bestimmt. Obwohl Grieshaber in seinem Schaffen stets der Figuration treu blieb, lassen sich in dieser Phase auch bei ihm sehr wohl die Einflüsse der abstrakten Kunst erkennen. Bereits 1955 hatte er mit dem Farbholzschnitt "Texasjungen" ein bemerkenswertes Exempel für die Aufgliederung menschlicher Figuren in geometrische Flächen geschaffen, dem 1957 mit "Truthahn im Schnee" ein weiteres Beispiel seiner Auseinandersetzung mit der Abstraktion folgte. Sind diese beiden Werke einerseits deutlich von einer Formvereinfachung hin zu abstrakten Farb und Flächenkompositionen geprägt, bleibt ihnen die Vorbildhaftigkeit und Erkennbarkeit der naturhaften Objekterscheinung doch eigen.

An dieser Stelle unterscheidet sich das Blatt "Herbst II" substanziell von den Vorgenannten und wohl auch von allen anderen Holzschnitten Grieshabers. 1959 gemeinsam mit einem zweiten Farbholzschnitt gleichen Themas geschaffen, ist hier das Abbild einer Figur oder eines Naturausschnitts so weit in Formen, Farben und Flächen aufgelöst, dass selbst nach intensiver Analyse des Blattes kaum ein Bildgegenstand identifizierbar ist. Kann bei "Herbst I" eine sitzende weibliche Figur mit üppigen Proportionen, Früchten und Pflanzen abgelesen werden, ist dies bei "Herbst II" nahezu unmöglich. Vielmehr hat Grieshaber hier eine reine Farbbildwirkung evoziert, die allein auf Grund der Verwendung typisch herbstlicher Farbtöne wie Braun, Ocker und Grün einerseits und vegetabil-floraler Formen andererseits das Bildthema transportiert.

Die Verwendung von Fundhölzern ist ebenso wie die Zweit- und Drittverwendung von vorhandenen Druckstöcken bei Grieshaber nichts Außergewöhnliches. Doch auch hier geht das vorliegende Blatt über vergleichbare Werke des Künstlers hinaus. Die einzelnen Druckhölzer erscheinen kaum im Sinne einer gezielten Figurformung bearbeitet, sondern wirken so, als hätte Grieshaber zufällig vorhandene Hölzer ganz unterschiedlichen Materialcharakters zusammengeführt und weitgehend frei zu seinem Herbstbild komponiert. Auffällig ist auch das ungewöhnlich starke Mitdrucken der Holzmaserung insbesondere bei den schwarzen Druckplatten. Diese von vielen Künstlern gezielt eingesetzte spezifische Ästhetik des Holzdrucks spielt bei Grieshaber in dieser ausgeprägten Form ansonsten kaum eine Rolle, sondern wird da, wo sie auftaucht, in die Figur integriert, ohne eigenständige Bildpräsenz beanspruchen zu können. Es ist festzustellen, dass "Herbst II" in Grieshabers Schaffen eine bemerkenswerte Sonderstellung einnimmt.

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