Beim gesunden Menschen sind die Körpersäfte im Gleichgewicht

|

Gott hat die vier Elemente gemacht: das Feuer, das Wasser, die Luft und die Erde... lesen wir in einem medizinischen Werk des Mittelalters. Man muss in der Tat bis zur Schöpfungsgeschichte zurückgehen, um sich in der Gedankenwelt eines Heilkundigen von damals zurechtzufinden. Nach dem Willen des Schöpfers beherrschte in diesem Weltbild das Zusammenspiel der vier Elemente die gesamte belebte und unbelebte Natur, das wiederum unter dem Einfluss der Gestirne stand. So wie die Welt im Großen war auch der Mensch als Welt im Kleinen diesen Gesetzmäßigkeiten unterworfen.

Die Lehre von den vier Elementen fand ihre Entsprechung in der Säftelehre des menschlichen Körpers. Die antike Naturphilosophie stellte den vier Elementen die vier Säfte Galle, Schleim, schwarze Galle und Blut gegenüber. Ein harmonisches Säftegleichgewicht hielt den Menschen gesund. Jeder Mensch hatte eine andere Komplexion, eine andere Mischung der Säfte, die über sein Naturell, sein Temperament entschied. Das Vorherrschen des einen oder anderen Saftes entschied darüber, ob man es mit dem sanguinischen Luftikus, dem aufbrausenden Choleriker, dem trägen Phlegmatiker oder dem trübsinnigen Melancholiker zu tun hatte.

Ein Arzt war Physicus, das heißt Naturforscher, der über die Mächte, die das Wohl und Wehe des Menschen bestimmten, Bescheid wusste. Heilkundige Frauen wie die Gräfinnen Anna und Magdalena von Hohenlohe-Neuenstein hatten ihr Wissen vor allem aus Büchern. Ein Hochschulstudium blieb ihnen jedoch verwehrt.

Auch bei ihren männlichen Kollegen legte man mehr Gewicht auf Können als auf klingende Titel. Doch in der Regel erwartete man, dass ein Physicus studiert hatte. Das war zunächst nur in der Fremde möglich. Erst im 14. Jahrhundert entstanden Universitäten im deutschsprachigen Raum. Bis dahin besuchten angehende Ärzte die Hohen Schulen in Frankreich und Oberitalien. Die medizinischen Fakultäten von Montpellier, Bologna und Padua waren berühmt. Studenten aus ganz Europa füllten dort die Hörsäle. Latein war die Gelehrtensprache, in der die Vorlesungen gehalten wurden und mit der sich die Studenten untereinander verständigten.

Das Lizenziat schloss die Ausbildung ab. Wer das Geld dazu hatte, bezahlte die Gebühr für den Doktortitel, richtete ein Festmahl für die Kollegen aus und verließ die Universität als doctor medicinae. Mit ihrer Ausbildung und ihren Sprachkenntnissen stand den medici die Welt offen.

Die Städte versuchten schon früh, Physici durch Verträge an sich zu binden. Mit mäßigem Erfolg. Zu verlockend muss der Glanz, das mit einer hohen Stellung verbundene Prestige und nicht zuletzt das Gold der Höfe gewesen sein. Doch spätestens 1517 legte der erste fest angestellte Stadtarzt den Amtseid vor dem Stättmeister (Bürgermeister) der Reichsstadt Hall ab. Das war anderswo ähnlich. Stadtphysici sollten in erster Linie die örtliche Bevölkerung versorgen. Sie erhielten ein festes Gehalt, sodass man von ihnen erwarten konnte, dass sie die Armen umsonst behandelten.

Schon 1375 lässt sich Meister Burkart Tütel als "Stettartzat" in der Reichsstadt Reutlingen nachweisen. Er hatte "physica", die Naturlehre, in Montpellier studiert und wurde danach "Stadtphysikus" in Reutlingen. Ihm zur Seite stand Meister Hans, Wundarzt aus Trochtelfingen, dessen Metier die Chirurgie war.

Mit Georg Kürrmann aus Straßburg verpflichtete Reutlingen vor 1558 einen Doktor der Medizin und Chirurgie. Wie schon Martin Stürmlin, Alexander Seitz und der ältere Lukas Spechtshart, hatte er innere Medizin und Chirurgie studiert und war "beider Arznei Doktor". Reutlingen war offenbar bemüht, derart gut qualifizierte Ärzte an sich zu binden. Doch der Mangel an erfahrenen Stadtärzten hatte dazu geführt, dass die Apotheker mittlerweile recht ungeniert wie Ärzte praktizierten. Dadurch hatten die Stadtärzte einen schweren Stand.

Apotheker waren Handwerker. Von ihren Lehrjungen erwartete man aber mehr als von den Lehrlingen anderer Berufsstände. Sie sollten "der Lateinischen Sprach zimlich erfahren" sein, damit sie die Rezepte eines Arztes auch lesen konnten. Lateinschüler genügten diesen Anforderungen, und Lateinschulen gab es in den meisten Städten schon früh. Lehrjahre waren keine Herrenjahre. Der Platz eines Apothekerlehrlings war am Mörser, während der Geselle die Rezepturen zubereitete und der Apotheker die Kunden bediente. Mancher Lehrjunge wird seine Berufswahl verwünscht haben, wenn er abends die Arme nicht mehr heben konnte. Doch wenn er aufgab, stand das Lehrgeld auf dem Spiel, das seine Familie dem Lehrherrn bezahlt hatte.

Die ersten Reutlinger Apotheker als Händler von Zucker, Gewürzen und Heilmitteln lassen sich erst spät nachweisen. Othmar Scheltz gibt um 1530 an, er sei der Erste gewesen, der in Reutlingen Zucker und "Würzen" verkauft habe, und er sei, wie verlangt, Mitglied der Krämerzunft geworden. Martin Hackh kam kurz darauf aus Italien nach Reutlingen und versuchte, eine zweite Apotheke einzurichten. Nach seinem Tod erwarb Johann Christoph Müller aus Tübingen die Offizin.

Inzwischen begann Othmar Scheltz als Arzt zu praktizieren und machte damit den Stadtärzten Konkurrenz. Schließlich verlegte sich auch Müller aufs Kurieren und überließ das Apothekenwesen Othmar Scheltz' Sohn Sigmund. Er war der erste Reutlinger Apotheker, der akademische Grundkenntnisse an einer Universität erworben hatte.

Er machte sich bei der Stadtregierung unbeliebt, weil er im Pestjahr 1577 Arznei nur gegen Bares herausgeben wollte. Deshalb wurde ihm die Apotheke entzogen. 1604 erließ die Stadt die erste Reutlinger Apothekenordnung. Sie stärkte die Position des Stadtarztes und verbot den Apothekern so das ärztliche Praktizieren.

Schon früh erfahren wir von Badern in Reutlingen. 1343 wird Kutzenbachs Badstube erwähnt. 1401 nennt eine Urkunde Cönzli Bader, den Sohn Otmars des Baders. Badstuben waren jahrhundertelang wichtiger Teil öffentlichen Lebens. Schweißbaden wie in der Sauna, Wasserbäder, Massieren, Schröpfen und Aderlassen förderten die Gesundheit. Daneben war die Badstube auch Ort der Geselligkeit. Fröhlich wurde es, wenn ein Brautpaar nach altem Reutlinger Brauch die Gäste zum Hochzeitsbad lud. Natürlich war die Badstube auch "ein Haus der Reinlichkeit": Man ließ sich hier die Haare waschen, die Körperhaare entfernen und den Bart stutzen.

Mit der Zeit verließen die "Scherer", die angestellten Barbiere der Bader, ihre Dienstherren und machten sich in Barbierstuben selbstständig. Die Metzgerzunft, der beide Berufsgruppen angehörten, musste die daraus resultierenden Konflikte lösen. Die Baderordnung von 1550 setzte die Preise für die Dienstleistungen im Bad fest. 1605 regelte die Ordnung der Wundärzte, Barbiere und Bader das Miteinander der Konkurrenten. Für Barbiere war es schwierig, allein vom Rasieren und Haareschneiden zu leben. So wandten sie sich einer so genannten "freien Kunst", der Wundarznei, zu. Auch die Bader hatten durch steigende Holzpreise immer größere finanzielle Einbußen. Dazu kam die Konkurrenz der "Hausbädlein": Wohlhabende Bürger luden in ihre Privatbäder ein und ließen sich dort von Badern versorgen. Immer mehr Badstubenbetreiber wurden deshalb ebenfalls Wundärzte. Zeitweilig gab es zehn Meister und Gesellen der Wundarznei in der Stadt.

Nicht jeder Wundarzt beherrschte das ganze Spektrum der Operationen. Das gab auswärtigen Spezialisten die Möglichkeit, hier chirurgisch tätig zu werden. Erfahrung und handwerkliches Geschick benötigten die "Bruchschneider", die Eingeweidebrüche operativ versorgten, die "Steinschneider", die Blasensteine entfernten, und die "Okulisten", die Patienten mit grauem Star operierten.

Ein großes Ärgernis für die Reutlinger Heilkundigen waren die "Stümpler", die keine allgemein akzeptierte Ausbildung nachweisen konnten. Schäfer und Rossschmiede kurierten ihre Tiere selbst und nutzten ihr Wissen, um auch Menschen zu behandeln.

Auch die Scharfrichter waren in der Wundarznei geübt, denn für die Behandlung der Verletzungen nach einer Leibstrafe waren sie oft zuständig. Manche Henker hatten eine wundärztliche Ausbildung und praktizierten mit Duldung der Obrigkeit als Chirurgen. In Reutlingen durfte der Henker nur das Vieh behandeln. Die Reutlinger hatten ein zwiespältiges Verhältnis zum Scharfrichter. Einerseits mieden sie ihn abergläubisch, andererseits schrieb man ihm heilende Kraft zu. Als der Bäcker Michel Scheffer an "grindigen" Händen litt, riet man ihm, er solle seine Hände am Henkerkarren blutig reiben, dann werde der schorfige Ausschlag vergehen. Über eine Heilung ist nichts bekannt, wohl aber über die Empörung der Bäckerzunft, die ihm die Arbeitserlaubnis entzog.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Hochwasser: „Es darf kein drittes Mal geben“

Ein Jahr nach dem Jahrhundert-Hochwasser sind in Pfullingen noch nicht alle Schäden aufgearbeitet. Bürgermeister Michael Schrenk sieht in  Rückhaltebecken einen wirksamen Schutz. weiter lesen