Bedrohung immer noch aktuell

Vor 40 Jahren war die Absicht, auf der Gemarkung von Mittelstadt einen Atommeiler zu errichten ganz real. Obwohl die Kernenergie damals als "sauberer Strom" galt, sahen doch die meisten sie als Bedrohung.

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Gorleben ist überall - so auch in Mittelstadt, wo vor 40 Jahren ein AKW-Standort geplant war, wie Friedhild und Wilfried Hüfler sich erinnern. Foto: Norbert Leister

Heute, nach Tschernobyl und Fukushima, mag sich die Planung eines Kernkraftwerks im Kreis Reutlingen wie ein schlechter Witz anhören. Doch damals, vor vier Jahrzehnten, hatte die Landesregierung unter dem Ministerpräsidenten Hans Filbinger (CDU) zunächst sogar sage und schreibe 41 mögliche Standorte in Baden-Württemberg im Blick.

Nachdem 19 aus den unterschiedlichsten Gründen gestrichen wurden, blieben noch 22 übrig. Darunter auch Mittelstadt. Aber: "Das Wasser aus dem Neckar hätte überhaupt nicht ausgereicht, um die Kühlung des Meilers zu sichern", berichtet Wilfried Hüfler heute. Deshalb war sogar der Bau eines Bodensee-Neckar-Stollens angedacht, um den Neckar mit ausreichend Wasser zu versorgen.

Was für ein Wahnsinn! Im Nachhinein wird das jeder sagen. Doch vor 40 Jahren waren diese Pläne eine realistische Alternative zu den sonstigen Energieträgern Kohle und Öl. Erstaunlich für den Standort Mittelstadt: Das Atomkraftwerk (AKW) sollte gar nicht direkt am Neckar gebaut werden, sondern mit Abstand zur Wohnbebauung auf der Ortsgrenze zwischen Mittelstadt und Riederich, "dort wo heute das Sportheim des TSV Riederich steht", sagt Friedhild Hüfler, die genauso wie ihr Mann damals eine engagierte Gegnerin dieser Pläne war. Auch sie hat an Demonstrationen, Platzfesten, Ständen und Unterschriftenaktionen teilgenommen, hat sie mitorganisiert - aber nicht so extrem wie ihr Mann. "Ich musste mich ja schließlich um die Kinder kümmern."

Beide waren Lehrer, sie in Mittelstadt, er an einer Waldorfschule. Im Gespräch mit beiden erteilen sie eine Geschichtsstunde der Extraklasse über die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Denn nicht allein der schlussendlich 13 Jahre währende Kampf gegen die Atomenergie hat sie beschäftigt, sondern auch die damalige kommunistische Unterwanderung des Widerstands. "Wobei das ein Glück war, weil die Leute wirklich Qualität da reingebracht haben", betont Wilfried Hüfler. Die finalen Ziele der extremen Linken hinter deren Engagement hat das Ehepaar zwar nicht mitgetragen, doch der Wille, die Atomkraft zu verhindern, hatte sie alle geeint.

Der erste Protest nach Bekanntwerden der AKW-Pläne für Mittelstadt kam aber nicht aus dem Flecken selbst, sondern aus Tübingen "und aus allen anderen Gemeinden um uns herum, die waren alle schneller", sagt Hüfler. In Tübingen aber hatte Hartmut Gründler schon 1972 den Bund für Umweltschutz (BfU) gegründet, um den Kampf gegen die Atomenergie aufzunehmen. Wilfried Hüfler arbeitet schon seit acht Jahren an einer Biografie über den erbitterten Verfechter einer Energieversorgung ohne Atomstrom. Dafür gab Gründler sogar sein Leben - er steckte sich aus Protest gegen die ungelöste Frage der Lagerung des Atommülls am 16. November 1977 in Hamburg selbst in Brand und verstarb an den Verbrennungen.

"Das war ein harter Schlag für mich", betont Hüfler. Er war stets in engem Kontakt mit Gründler gewesen, wie auch mit dem Kernphysiker und einstigen SPD-Bundestagsabgeordneten Prof. Karl Bechert, der sich ebenfalls gegen die Atomenergie wehrte. Bei den Hüflers saß Bechert am Wohnzimmertisch und von dort aus haben sie auch einen "Info-Dienst" über die Gefahren der Kernenergie eingerichtet. "Aus unserem Wohnzimmer heraus haben wir 2000 Menschen in ganz Deutschland mit Informationen versorgt", so Wilfried Hüfler. Was in den damaligen Zeiten keine leichte Aufgabe war - Computer und Internet gabs ja noch nicht. Alle Blätter mussten aufwändig mit Schreibmaschine abgetippt, vervielfältigt und zusammengetragen werden - und das gleich 2000-fach.

Eine Vielzahl der Aktionen gegen das AKW Mittelstadt ging ebenfalls von dem Haus der Hüflers aus: "Einmal haben wir die Mittelstädter Ortsschilder überhängt", erinnern sich beide. Darauf geschrieben stand dann "Gorleben ist überall". Die Schilder haben die Hüflers noch in ihrem ganz persönlichen Archiv, genauso wie ganze Regalreihen voller Akten mit Zeitungsartikeln, Leserbriefen und vielem mehr über den Kampf gegen das AKW Mittelstadt. "Das ging hier natürlich genauso wie sonst überall auch nach dem St. Floriansprinzip - baut euer Zeug, wo ihr wollt, nur nicht bei uns", sagt Wilfried Hüfler heute. Damals sprachen sich mehr als 80 Prozent der Mittelstädter gegen den Standort vor der eigenen Haustür aus. Der Pädagoge hatte den Widerstand allerdings weit über die Region hinaus aufgenommen und war später sogar Mitbegründer der Grünen. Sein ganzes Leben lang blieb er ein extrem engagierter und politischer Mensch, bis heute.

"Die Reutlinger haben sich beim Protest ziemlich zurückgehalten", erinnert sich der heutige Bezirksbürgermeister Wilhelm Haug an die damalige Zeit. "Die haben wohl eher den wirtschaftlichen Nutzen im Blick gehabt", vermutet er. Der Protest flaute im Lauf der Jahre ziemlich ab, umgesetzt wurden die Pläne für ein AKW Mittelstadt nicht. 1987 wurde die gesamte Liste mit den 22 Standorten von der Landesregierung fallengelassen - was für ein Glück, muss man heute sagen. Aber: "Die Bedrohung durch Neckarwestheim ist immer noch aktuell für den Großraum Stuttgart", betont Wilfried Hüfler. Der 80-Jährige zeigt sich begeistert, dass seine Kinder und auch sogar die Enkel seinen Protest weitertragen und mit ihm zusammen vor drei Jahren noch bei Demonstrationen waren. "Die Endlagerfrage des Atommülls ist ja immer noch nicht gelöst", so Hüfler.

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