Ausnahmezustand im Knast

Regelmäßig organisiert Klaus Boshart ein Konzert für die Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim. Unlängst rockte die Reutlinger Metalband "Scuffproof" hinter dicken Gefängnismauern.

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    In der JVA Stuttgart-Stammheim sitzen längst keine Schwerverbrecher oder Terroristen ein. Fotos: Jürgen Spieß
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    Musik-Premiere im Gefängnis: Für die Reutlinger Gruppe "Scuffproof" war es ein ungewohntes Konzertgefühl.
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Es ist 13 Uhr. Eigentlich Zeit für den Hofgang. Fünf Musiker aus Reutlingen mit schwarzen T-Shirts und einigermaßen fiesen Frisuren stehen auf der Bühne und spielen einen aufgekratzten Mix aus Hardcore, Metal und furchteinflößendem Grunsgesang.

In der kleinen Mehrzweckhalle, die normalerweise für Gottesdienste und Gesprächsrunden genutzt wird, stehen karge Stühle in Reih und Glied. Die Stimmung vor der Bühne ist alles andere als aufgeheizt, eher abwartend.

Auch die stoischen Mienen der Musiker lassen erahnen, dass dies kein alltäglicher Auftritt für die seit dem Jahr 2007 bestehende Band ist. Genauer gesagt erleben "Scuffproof" zum ersten Mal dieses ungewohnte Konzertgefühl, für die Insassen einer Justizvollzugsanstalt (JVA) zu spielen.

Muskelbepackte und mit Tattoos übersäte Männer sitzen breitbeinig und mit finsteren Mienen auf ihren Stühlen. Manche geben sich gelangweilt, bei anderen überlagern gespannte Vorfreude und erwartungsfrohe Gesichter die Gesten der Abwehr und des Trotzes.

Sänger und Bandgründer Martin "Kubo" Kubowski, Ferdinand Kluge (Gitarre), Florian Jörg Nieser (Gitarre), Jürgen Pfister (Bass) und Simon Hofmeister (Schlagzeug) lassen sich jedoch von der unwirtlichen Atmosphäre eines Gefängnisses nicht einschüchtern. Sie lassen es vom ersten Moment an krachen - und schon bald nicken die ersten Köpfe im Publikum zum Takt des Metalbeats.

Wo man hinschaut graue Betonwände, geschweißte Türen, Stacheldraht, Eisengitter vor den Zellenfenstern. Vollzugsbeamte patrollieren, die Sicherheitsbestimmungen sind den Umständen entsprechend. Nicht nur die geladenen Pressevertreter müssen sich ihnen fügen, auch die Musiker dürfen weder Handys noch Schlüssel in die Haftanstalt mitnehmen. Waffen, Drogen und Alkohol sind in dieser Umgebung sowieso tabu.

Dabei sitzen in Stuttgart-Stammheim längst keine Schwerverbrecher, Top-Terroristen oder Lebenslängliche mehr. Laut Bereichsleiter Klaus Boshart sind es überwiegend Untersuchungshäftlinge und Strafgefangene bis zu zwei Jahren Haftzeit, die hier einsitzen.

In der Haftanstalt, in der in den Jahren 1976/77 die Terroristen der Rote-Armee-Fraktion (RAF), Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof Selbstmord verübten, sitzen zurzeit knapp 500 männliche Gefangene aus insgesamt 50 Nationen in Einzel- und Gruppenzellen ein.

Auch für Scuffproof gibt es keine Extrawürste. Sie mussten bereits zwei Stunden vor dem Konzert da sein, um aufzubauen und die strengen Sicherheitsvorkehrungen über sich ergehen zu lassen. Zudem geben sie sich mit einer kleineren Bühne zufrieden, die Boxen wummern mit einer geringeren Wattzahl als üblich. Und nicht zuletzt verzichten die Musiker auf eine Gage, sind für diesen Konzert-Gig sogar auf eigene Kosten mit zwei Autos angereist: "Uns gefiel die Idee, vor Menschen aufzutreten, die sonst keine Chance auf einen Konzertbesuch haben", erzählt "Kubo" vor dem Konzert.

Angefragt hat der Bandleader und Sänger bei mehreren Haftanstalten, dass letztendlich nur Stuttgart-Stammheim ein Interesse zeigte, hat ihn schon ein wenig verwundert. "Vielleicht liegt es daran, dass wir sehr harte Musik machen", sagt der Sänger mit der Gorilla-Stimme mit verschmitztem Lächeln. Jedenfalls werden die fünf Reutlinger ihrem Bandnamen, der so viel wie "unverwüstlich" bedeutet, in den nächsten anderthalb Stunden vollauf gerecht. Denn mit Gefühlsduseleien oder Kuschelrock hat der harte und geradlinige Metal-Sound von "Scuffproof" wahrlich nichts gemein.

Kein Wunder also, dass sich die begeisterten "Knackis" gegen Ende des Auftritts trotz bescheidener Akustik kaum auf ihren Stühlen halten können. Einige wippen mit den Füßen, andere recken die tätowierten Arme in die Luft. Nach 18 Stücken schlappen sie geordnet wie sie gekommen sind, aber mit klingelnden Ohren in ihre Zellen zurück.

Info Unter www.rock-im-knast.com gibt es im Internet weitere Infos über Gefängnis-Konzerte.

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