Aus Eifersucht zugestochen?

Vor dem Landgericht Tübingen gestand gestern ein 39-Jähriger, vor einer Reutlinger Gaststätte Anfang des Jahres einen Mann mit einem Messer schwer verletzt zu haben. Die Anklage: Versuchter Totschlag.

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"Ich habe einen Riesenscheiß gemacht. Dafür möchte ich mich entschuldigen", so die erste Reaktion des 39-jährigen Reutlingers am Montag vor der 5. Schwurgerichtskammer des Landgerichts. Damit räumte er das ein, was ihm Staatsanwalt Nicolaus Wegele vorwirft. Am 4. Januar soll er vor dem "Mezcalitos" einen Gast mit zahlreichen Messerschnitten schwer verletzt haben. Die Anklagebehörde geht neben gefährlicher Körperverletzung auch von versuchtem Totschlag aus. Wegele: "Er hat versucht, einen Menschen zu töten, ohne Mörder zu sein."

Wie es dazu kam, davon hörte das Gericht gestern allerdings zwei Versionen. Der Angeklagte berichtete von einem Abend, an dem er zusammen mit einem Freund in jene Bar kam, in der seine damals schwangere Verlobte auf ihn wartete. Dort, so habe sie ihm erzählt, sei sie zuvor von einem Gast wegen ihres Babybauchs angesprochen worden. Später will der Angeklagte gesehen haben, dass eben jener Gast seine Verlobte weiter beobachtete. In der Toilette des Lokals habe er ihn zur Rede gestellt: "Ist alles ok?", wollte der Angeklagte vom 39-jährigen Marokkaner wissen, dem er unterstellte, seine Verlobte "angemacht" zu haben. Als Antwort will er ein kurdisches Schimpfwort gehört haben. Daraufhin packte er ihn am Hals, wurde aber von seinem Freund zurückgehalten. "Wir sehen uns noch", habe er sich von ihm verabschiedet, bevor er seine Verlobte zum Verlassen der Gaststätte drängte. Draußen habe sich mit ihr eine Diskussion entwickelt, bevor der angebliche Nebenbuhler, mit einer Jacke um seine Hand gewickelt, direkt auf ihn zugesteuert sei.

Aus Angst vor einer versteckten Waffe habe er den Mann zunächst weggestoßen und dann sein Klappmesser gezückt. Mehrmals habe er ihn im Rumpfbereich geschnitten, als er aber erkannt habe, dass sein Kontrahent unbewaffnet war, "habe ich sofort von ihm abgelassen". Danach habe er Panik bekommen und sei weggelaufen. Das Messer habe er in die Echaz geworfen. Beim Versuch, sich in die Türkei abzusetzen, wurde er in Slowenien festgenommen. Heute sagt er: "Ich habe die Situation völlig falsch eingeschätzt."

Aus einem anderen Blickwinkel schilderte das Opfer den Abend. An der Theke der Bar sei er mit der schwangeren Frau unverfänglich ins Gespräch gekommen. Daraufhin sei er auf der Toilette angegangen worden. Auch nach seiner Erinnerungen fielen dort die Worte: "Ich warte draußen auf Dich." Er maß diesen Worten nicht allzu viel Bedeutung bei. Doch als er nach einem letzten Drink an der Bar die Gaststätte verlassen habe, seien draußen zwei Männer gestanden: "So als ob sie auf mich gewartet haben." - "Ich bin raus, und sie sind auf mich los. Sie haben mir keine Chance gelassen", so seine Erinnerung. Erst als Blut von seinen Händen wie Wasser geflossen sei, habe er seine Verletzungen realisiert. Wie sich die Auseinandersetzung aufgelöst habe, weiß er nicht mehr, da er das Bewusstsein verlor. Eine Erklärung für die Attacke? "Ich habe keine Antwort dafür."

Nach einer früheren Aussage der Verlobten des Angeklagten geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass der 39-Jährige weggezogen werden musste, um den Mann nicht weiter zu malträtieren. Inzwischen hat er als Wiedergutmachung 6000 Euro an sein Opfer überwiesen. Im Gerichtssaal entschuldigte er sich persönlich bei ihm. Der Prozess wird heute fortgesetzt.

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