Attraktiv mit ländlichem Charme

Kulturamtsleiter Dr. Werner Ströbele blickte vor kurzem in Bronnweiler zurück auf neun Jahrhunderte Ortsgeschichte - eine Geschichte, die von der Entwicklung vom Bauerndorf zur Wohngemeinde handelt.

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    Historische Ortsansicht des einstigen Bauerndorfes Bronnweiler. Fotos: Archiv/Leister
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    Von großer Bedeutung war die Bronnweiler Marienkirche.
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    "Bronnweiler ist die kleinste, aber schönste Bezirksgemeinde", sagt Dr. Werner Ströbele.
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Das Wichtigste kam laut Bezirksbürgermeisterin Friedel Kehrer-Schreiber ganz am Schluss des Vortrags von Kulturamtsleiter Dr. Werner Ströbele: "Bronnweiler ist wohl die kleinste Bezirksgemeinde, aber die schönste." Zuvor hatte der Ort allerdings eine 900-jährige Geschichte erlebt, die für seine Einwohner entscheidend geprägt war von der Landwirtschaft und vor allem von Armut.

Mit Sicherheit hätten aber schon vor 1115 in Bronnweiler Menschen gelebt - weil nämlich die Endung des Ortsnamens "-weiler" auf die fränkische Landnahme hindeute, die laut Ströbele auf das siebte oder achte Jahrhundert zurückgehe. Das mit dem Jubiläumsjahr 1115 geht laut Ströbele auf einen Mönch des Klosters Hirsau zurück, der aber erst um 1500 herum ein Schenkungsbuch namens "Hirsauer Codex" anlegte und darin erstmals "Brunwiler" erwähnte.

Wo der Name "Brunwiler" herkommt? Eine Deutungsmöglichkeit wäre nach den Worten des Reutlinger Kulturamtsleiters ein fränkischer Graf namens Bruno, der das Land zwischen Gönningen und Gomaringen im Wiesaztal erhielt und dort ein paar Bauern ansiedelte. Ein anderer Erklärungsansatz: Der Name der Gemeinde könnte auf eine Quelle zurückgehen, die auf Althochdeutsch "brunno" hieß. Aber: "Was genau zum Namen Bronnweiler führte, bleibt im Dunkeln", betonte Werner Ströbele.

Klar ist für den Kulturamtsleiter zumindest, dass die Besitzverhältnisse über die Jahrhunderte hinweg immer wieder wechselten. Der 1115 zuerst erwähnte Egiloff von Pfullingen habe fünf Huben an das Kloster Hirsau verschenkt. Ein Huben sei damals in etwa die Größe eines Anwesens gewesen, das notwendig war, damit eine Bauersfamilie überleben konnte. Allerdings waren das damals noch Leibeigene. Schon im 14. Jahrhundert begann die extrem enge Beziehung zu Reutlingen: 1315 wurde Bronnweiler nämlich von Bürgern der Achalmstadt aufgekauft. "Das könnte man doch auch feiern", sagte Ströbele augenzwinkernd. Dafür erntete er allerdings höhnisches Gelächter in der Turn- und Festhalle. Bronnweiler blieb aber lange Zeit in Reutlinger Händen - und zwar bis zum Jahr 1803. Da verlor die Reichsstadt nämlich eben diesen Status. Schuld daran war übrigens Napoleon. Und Bronnweiler? Der Ort mit damals 120 Einwohnern wurde württembergische Gemeinde, aber nur III. Ordnung. Immerhin gab es dann Religionsfreiheit. Erst 90 Jahre später hatte sich genau eine katholische Person in den Flecken verirrt.

Von großer Bedeutung war laut Werner Ströbele die Marienkirche in Bronnweiler. Vor genau 600 Jahren hat der Reutlinger Patrizier Heinrich Spiegel den Grundstein für den Chor gelegt. Warum dieser Bau so aufwendig von einem Stararchitekten der damaligen Zeit errichtet wurde, sei "ein weiteres Rätsel der Geschichte Bronnweilers", so Ströbele. Allerdings deute einiges darauf hin, dass die Kommune über Jahrhunderte hinweg ein Wallfahrtsort war. Sehr ungewöhnlich sei gewesen, dass zu damaliger Zeit vier Priester an der Kirche tätig waren. Und auch, dass eine lebensgroße Darstellung der schwangeren Maria dort stand, die 1425 in Ulm aus Weidenholz geschnitzt wurde. Bekannt sind zwei weitere, trauernde Frauenfiguren - "man könnte sagen, schon damals lockten diese Bronnweiler Weiber viele Menschen an", schmunzelte Ströbele. Über die weltliche Geschichte des Ortes sei vor allem eines zu sagen: Über fast alle Jahrhunderte hinweg waren die Einwohner arm. Dennoch stieg von 1819 bis 1895 die Zahl der Ortsansässigen um das Eineinhalbfache auf 312. Bis zur industriellen Revolution waren sie immer Bauern. Erstaunlich für viele Zuhörer: In Bronnweiler gab es tatsächlich mal Weinbau, der wurde bereits 1349 erwähnt, seit dem 17. Jahrhundert fanden sich sogar "richtige Anlagen von Weingärten", betonte der Kulturamtsleiter. Erst langsam begann sich das Handwerk in der Gemeinde zu etablieren, anfangs nur als Nebenerwerb, weil die "kärgliche Landwirtschaft" weiterhin die Familie ernähren musste.

Und wie waren sie, die Bewohner von Bronnweiler? 1870 berichtete ein Pfarrer von "einem kräftigen und fleißigen Menschenschlag". 1912 wurde erwähnt, dass sich "Feindschaften aus elendem Anlass entwickeln, wie zum Beispiel aus dem Kratzen einer Henne in Nachbars Garten".

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam dann langsam die Wende weg vom bäuerlichen Dorf: 1873 wurde eine mechanische Buntweberei gegründet, die der Hechinger Stoffgroßhändler Rudolf Bernheim bald leitete. 1893 liefen dort 60 Webstühle, 1898 waren es 148, um 1920 herum betrieb die Firma 246 mechanische Webstühle. "Die Fabrik veränderte den Ort", so Werner Ströbele. Damit war es allerdings in der Zeit der Nationalsozialisten vorbei, sie hatten der jüdischen Familie Bernheim die Arbeit immer mehr erschwert, schlussendlich rettete sie sich vor dem sicheren Tod nach England. In den 1960er Jahren übernahm Heinrich Rieber das Fabrikgebäude und produzierte dort Großküchen. "Heute sind darin Schafe", so Ströbele.

Aber: Bronnweiler entwickelte sich weiter. "Wasserversorgung seit 1914, Stromversorgung seit 1920", so Ströbele. Die Einwohnerzahl stieg von 1900 bis heute von 300 auf 1050, "aus dem Bauerndorf wurde eine Wohngemeinde". Ein weiterer Meilenstein für Bronnweiler: 1971 wurde der Ort eingemeindet. Und zwar von dem gar nicht so sehr geliebten Reutlingen. Aber immerhin: "Bronnweiler ist eine attraktive Gemeinde mit ländlichem Charme", schmeichelte Ströbele.

Feier zum Jubiläum

Der historische Vortrag war einer der Höhepunkte im Bronnweiler Jubiläumsjahr zur erstmaligen Erwähnung vor 900 Jahren. Weitere folgen am 26. Juni mit einem Kleinkunstabend mit "Hillus Herztropfa". Einen Tag später, am 27. Juni, spielt "Pomm Fritz", eine schwäbische Rockgruppe auf. Am 28. Juni schließlich folgt ein Festtag mit Gottesdienst und Frühschoppen mit den Musikvereinen Gönningen und Walpertshofen.

NOL

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