Arbeitslos und am Rand

Die Liga der Freien Wohlfahrtsverbände, das Landratsamt und die Stadt Reutlingen haben jetzt den dritten Lebenslagenbericht vorgestellt.

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In fast dreijähriger Arbeit haben Mitglieder der Liga der Freien Wohlfahrtsverbände, vom Landratsamt, der Stadt und vom Jobcenter den dritten Lebenslagenbericht im Kreis Reutlingen erstellt. Foto: Norbert Leister  Foto: 

Wer lange Zeit arbeitslos ist, wenig Geld zur Verfügung hat, der kann am sozialen und kulturellen Leben einer Kommune nicht mehr teilnehmen – weil ja alles Geld kostet“, berichtete Gisela Steinhilber von der Reutlinger AWO am Freitag in einem Pressegespräch kurz vor der öffentlichen Präsentation des dritten Lebenslagenberichts. Dieses Werk haben erneut die Mitglieder der Liga der Freien Wohlfahrtsverbände in Zusammenarbeit mit dem Landratsamt, der Stadt Reutlingen, dem Jobcenter und Studierenden der Universität Tübingen erstellt.

„Wir haben ja die Experten vor Ort und mussten nicht wie beim Armuts- und Reichtumsbericht des Landes externe Fachleute damit beauftragen“, sagte Andreas, Sozialdezernent des Landkreises. Was also sind die Ergebnisse und Erkenntnisse des Berichts, der sich speziell mit alleinstehenden Langzeitarbeitslosen befasst hat – außer, dass ihnen über lange Zeiträume die soziale Teilhabe verwehrt wird? „Die erste Frage, wenn man jemanden kennenlernt, lautet doch immer: Und was machst du beruflich“, so Steinhilber. Wenn man dann eingestehen müsse, arbeitslos zu sein, sei das stets mit einem konkreten, massiven Makel verbunden. „Da muss man gar nicht mehr viel erläutern“, so die AWO-Chefin. Solches Abgedrängtsein an den Rand der Gesellschaft müsse logischerweise psychische Folgen nachsichziehen.

„Die ganze Gesellschaft muss diese Problematik wahrnehmen“, forderte Steinhilber. Thomas Franz vom Jobcenter Reutlingen betonte: „Dieser Personenkreis treibt uns besonders an, wir sind bemüht, die Zahl der Betroffenen zu senken.“ Dabei habe das Jobcenter vor allem die Unter-25-Jährigen im Blick. Denn: Ausbildung, Studium und Qualifizierung seien beste Voraussetzungen, um am Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein.

„Wir bemühen uns durch eine noch intensivere und individuelle Betreuung der Unter-25-Jährigen deren Vermittlungshemmnisse wie Probleme mit Überschuldung, mit Wohnung, Drogen oder Alkohol zu beseitigen, damit sich die Personen für den Arbeitsmarkt öffnen“, sagte Franz. Wolfgang Grulke von der Vereinigung der Sozialen Beschäftigungsträger betonte hingegen: „Es gibt nun mal eine Klientel, die nicht mehr in den Ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln ist – es braucht auch Jobs für Gering-Qualifizierte.“ Diesen Menschen eine Beschäftigung, einen Lebensinhalt zu geben, sei enorm wichtig. „Wir bieten den Leuten die sogenannten Zwei-Euro-Jobs, und sie sind stolz, wieder in der Öffentlichkeit tätig sein zu können“, sagte Grulke. „Die Menschen wachsen persönlich.“ Deshalb seien die sozialen Beschäftigungsträger unverzichtbar – und müssten vom Bund wieder deutlich mehr gefördert werden, lautet die Forderung der Liga.

„Gerade bei diesem Personenkreis sind tagesstrukturierende Maßnahmen ganz besonders wichtig“, sagte Lisa Kappes-Sassano von der Caritas. Bauer warf hingegen ein, dass Zwei-Euro-Jobs keine Perspektive für die Menschen bieten würden. „Wir müssen auch deren Potenziale wecken.“

Eva Maria Sailer, ebenfalls von der Caritas, hob hervor, dass in allen drei Lebenslagenberichten Mobilität und Wohnraum immer wieder als große Probleme auftauchten. Alleinerziehenden und kinderreichen Familien waren die ersten beiden Berichte gewidmet. „Auffällig ist in dem dritten Report, dass die größten Schwierigkeiten in Übergangsphasen aufkommen“, sagte der Moderator und wissenschaftlicher Begleiter des Projekts, Jürgen Strohmaier. Was das heißt? Arbeitslosigkeit zwischen Schule und Berufskarriere sei für manche Menschen ebenso schwierig zu bewältigen wie kurz vor der Rente: „Wer zwischen 55 und 65 seinen Job verliert, hat es ganz schwer, nochmal zurück in den Arbeitsmarkt zu kommen“, so Strohmaier.

Was aber geschieht nun, nachdem der dritte Report erschienen ist – auch mit Interviews von Betroffenen, die von Studierenden geführt wurden? „Wir haben ja schon Fallmanagement-Sachbearbeiter, die sich speziell um diesen Personenkreis kümmern“, sagte Franz. Bauer meinte: „Der Bericht macht natürlich nur Sinn, wenn er zu konkreten Maßnahmen führt – wir erhoffen uns heute von dem Fachtag weitere Impulse.“

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