Anatomie eines Staatsverbrechens

Die unheimliche Nähe des Verfassungsschutzes zu Rechtsextremen: Darum geht es in Wolfgang Schorlaus neuem Krimi "Die schützende Hand". In der Buchhandlung Osiander sprach Wolfgang Niess mit dem Autor.

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Autor Wolfgang Schorlau.  Foto: 

Der in Stuttgart lebende Wolfgang Schorlau war bisher kein Star der Literaturszene. Doch das hat sich mit seinem neuesten Thriller um den NSU-Komplex schlagartig geändert. Innerhalb nur einer Woche stürmte der 64-jährige Krimiautor mit "Die schützende Hand" in den Bestsellerlisten von Null auf Platz eins. Auch die Resonanz in Reutlingen war überwältigend, die Veranstaltung in der Buchhandlung Osiander im Rahmen der Reihe "Autor im Gespräch" war seit Wochen ausverkauft.

Dabei ist das bereits der achte Fall, den sein Privatermittler und einstiger BKA-Zielfander Georg Dengler ermittelt. Doch dieses Mal geht es um ein aktuelles und hochbrisantes Thema: um den braunen Sumpf des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), um die Rolle des Verfassungsschutzes und die Frage: Wer hat am 4. November 2011 die beiden Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erschossen? War es wie nach offizieller Darstellung Selbstmord oder hatte der Thüringische Verfassungsschutz seine Finger mit im Spiel? Warum gab es so viele Ungereimtheiten, wurden Spuren verwischt und verschwanden Beweismittel? Legte der Staat tatsächlich seine "schützende Hand" über die rechtsextremen Vorgänge in Thüringen? "Schließlich arbeitete jedes fünfte Mitglied des rechtsradikalen Thüringer Heimatschutzes als bezahlter Informant für die Behörde", erläuterte Wolfgang Schorlau die Verbindung.

Fragen über Fragen, denen der Autor in seinem Real-Thriller ein Gesicht gibt, indem er seinen Privatdetektiv Dengler in den Neonazi-Sumpf abtauchen lässt und einen fiktiven Kriminalfall mit einem wahren Hintergrund verknüpft. Worum geht es?

Ein anonymer Auftraggeber sendet dem finanziell angeschlagenen Dengler einen Umschlag mit 15 000 Euro. Der Auftrag lautet herauszufinden, wer Mundlos und Böhnhardt erschossen hat. Der Stuttgarter Privatermittler, der seinen bescheidenen Lebensunterhalt eigentlich mit der Beschattung von untreuen Ehefrauen verdient, sieht seine Chance gekommen und taucht fortan tief in das Netz von Neonazis und Verfassungsschutz ein. Er beschafft sich die Ermittlungsakten zum angeblichen Selbstmord, besucht Tatorte, trifft sich mit Geheimdienstmitarbeitern und deckt Schicht für Schicht "die Anatomie eines Staatsverbrechens" auf.

Genauso wie sein Romanheld ging Schorlau bei der Recherche zu seinem Buch vor. Die 381 Seiten sind gespickt mit Fußnoten, Aktenvermerken und Fotos, was aber keineswegs störend ist, sondern den Zeilen eine beängstigende Kraft verleiht. Was war für ihn der Auslöser, solch ein brisantes Thema in Angriff zu nehmen, fragt SWR-Mann Wolfgang Niess. Es waren die Ungereimtheiten, die bereits während des Kölner Nagelbomben-Attentats im Juni 2004 auftraten, die ihn veranlassten, sich "in den Fall des unter mysteriösen Umständen umgekommenen NSU-Duos hineinzugraben". Und sein Urteil darüber fällt eindeutig aus: "Es genügt die kriminalistische Erfahrung von Sonntags 20.15 Uhr, um zu erkennen, dass bei den Ermittlungen gewaltig gepfuscht wurde." Ermittler fanden weder die Projektile, noch Schmauchspuren an den Händen der Toten, stattdessen lag am Tatort eine Patronenhülse zuviel.

Zudem ließ der zuständige Polizeichef das ausgebrannte Wohnmobil "mit den Leichen" noch vor der Spurensicherung abtransportieren, "wohlwissend, dass er damit den Tatort verändert". Eigentlich, so Schorlau, ist diese Geschichte so hanebüchen und müsste sofort ins Reich der Verschwörungstheorien verbannt werden, wenn die Fakten nicht so klar dagegen sprächen. Er zählt im Gespräch mit Niess weitere skandalöse Ungereimtheiten in den NSU-Ermittlungen auf, ist sich aber gleichzeitig im Klaren darüber, "dass die Wahrheit wohl nie ans Tageslicht kommen wird".

Das Fazit seines Romanhelden fällt dagegen eindeutig aus: Der Staat wollte durch Vertuschung seine eigene Beteiligung decken. Auch Schorlau selbst geht davon aus, "dass die beiden Neonnazis keinen Selbstmord verübt haben. Wirklich klar und unzweideutig ist bisher allein die Tatsache, dass kein Tatort in der deutschen Kriminalgeschichte jemals so gründlich zerstört wurde wie dieser".

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