Alternative zu Autofahrten

Zum "Umweltverbund" fährt Reutlingen dreigleisig: ÖPNV und Radverkehr sollen gestärkt und die Bedingungen für Fußgänger verbessert werden. Nun wurden Resultate des "Fußverkehrs-Checks" vorgestellt.

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Schlechte Noten im Fußverkehrs-Check: Die Ampelschaltung des Überwegs am Lindachknoten zwingt Fußgänger und Radler zum Halt auf der Mittelinsel.  Foto: 

Zusammen mit 14 weiteren Kommunen wurde Reutlingen Ende Juli diesen Jahres von der Landesregierung zur Teilnahme am "Fußverkehrs-Check" ausgewählt. Ziel war es, durch Workshops und bei Begehungen die Situation in der Stadt zu erfassen und dadurch letztlich Schwachstellen genauso wie gelungene Lösungen offenzulegen. Daraus wiederum sollten Ansätze für eine Verbesserung der Infrastruktur, wie sie Fußgänger vorfinden, entwickelt werden. Beteiligt waren unter Federführung des Dortmunder Stadt- und Verkehrsplanungsbüros Planersocietät neben der Stadtverwaltung auch verschiedene Institutionen wie der ADFC und Bürger. Nach dem Auftaktworkshop standen im Oktober zwei Begehungstermine auf dem Programm. "Wenn wir eine Stadt mit hohem Lebenswert wollen, muss sich das Mobilitätsverhalten ändern", betonte die Erste Bürgermeisterin Ulrike Hotz eingangs. Ihre Forderung: "Wir sollten zu Fuß in die Zukunft unserer Stadt gehen". Gegenwärtig aber überwiegt der Autoverkehr, 53 Prozent aller Wege werden mit Fahrzeug zurückgelegt - ein Wert der sich allein beim Binnenverkehr auf 177 000 Fahrten pro Tag summiert. Demgegenüber liegt der Anteil der Fußgänger derzeit bei 22 Prozent.

Die Begehung führte entlang der Lederstraße - ausgehend vom Lindachknoten - über den Oskar-Kalbfell-Platz zur Eberhardstraße. "Die B 312 ist eine Besonderheit und eine Herausforderung", räumte Merja Spott von der Planersocietät ein. Die Straße weist auf der einen Seite eine sehr hohe Verkehrsdichte mit regelmäßigen Staus auf und wird auf der anderen Seite von vielen Fußgängern und Radfahrern überquert. "Sie stellt eine Barriere zwischen der Innenstadt und den Wohngebieten dar", so Spott.

Als Empfehlung für den Abstand der Fußgängerüberwege gelten rund 100 bis 150 Meter. Damit erfüllt die B 312 zwar die Anforderungen, doch die Übergänge selbst sind verbesserungsbedürftig. Die Unterführung am Parkhaus beim Lindachknoten wurde auch als Folge des Pflanzenbewuchses als zu dunkel empfunden sowie wegen der fehlenden Beschilderung als unübersichtlich. In dieser Hinsicht schnitt die Unterführung am Gustav-Werner-Platz besser ab, hier bemängelten die Teilnehmer an der Begehung die unscharfe Abgrenzung zwischen Radweg und Fußgängerbereich.

Für die niveaugleichen, also ebenerdigen, Querungen gelten mit Blick auf einen hohen Komfort der Fußgänger verschieden Anforderungen: Die Wartezeiten an den Ampeln sollten nicht mehr als 40 Sekunden betragen, die Überquerung der Straße ohne Zwischenstopp möglich sein und für die Mittelinseln gilt eine Mindestbreite von 2,50 Meter. Dazu kommt als wichtige Forderung die Barrierefreiheit mit einer Absenkung des Bordsteins, Blindenampeln und einem entsprechenden Leitsystem. Schlechte Noten gibt es zunächst für den Lindachknoten. Moniert werden die langen Wartezeiten, gekoppelt mit schmalen Mittelinseln und der nur mit Zwischenstopp möglichen Überquerung. Hier könnte zumindest eine Änderung der Ampelschaltung zu einer Verbesserung beitragen - wenigstens außerhalb der Kraftfahrzeug-Stoßzeiten, schlug Spott vor. Für die Querung am Oskar-Kalbfell-Platz in Höhe der früheren Feuerwache sowie die Ampel an der Eberhard- und Gustav-Werner-Straße gelten die gleichen Kritikpunkte, während der Fußgängerübergang an der Einfahrt zum ZOB am Tübinger Tor vor allem infolge der von vielen als zu schnell empfundenen Busse bei der Begehung aufgefallen ist. Hier suggeriere die städtebauliche Situation den Fußgängern Vorrang, doch de facto müssten diese warten. Abhilfe: Eine Wiederherstellung der gelben Fahrbahnfläche könnte die Busse zu langsamerer Fahrt bewegen und zudem die Einfahrtsituation für Autofahrer unattraktiver machen. Keine guten Noten erhielt unter der Rubrik "Überführungen" der Steg am Lindach-Knoten. Dieser folge nicht dem gängigen Wegeverlauf, sei ohne den störanfälligen Fahrstuhl nicht barrierefrei und die nicht vorhandene Treppe auf der Südseite schrecke viele potenzielle Nutzer ab. Nicht zuletzt ist der Bodenbelag bei Nässe rutschig, listete Spott in ihrer Ausführung auf.

Als brisantes Thema entpuppte sich in der Diskussions- und Fragerunde mit den Zuhörern der Steg am Oskar-Kalbfell-Platz. Dieser sei "nur noch ein Fragment", er müsse "freundlicher gestaltet" werden und biete dann die Chance, das Ensemble mit Stadthalle, Platz und Tübinger Tor eindrucksvoll aus einer höheren Position zu betrachten.

Für die Suche nach einer Lösung schlug Spott einen städtebaulich-verkehrlichen Wettbewerb vor. Hotz betonte, eine "einfache Lösung" gebe es dort nicht. Letztlich sei nur ein Steg sinnvoll, der auch akzeptiert werde. Sie betonte, die Ideen aus der Analyse müssten jetzt sortiert und dann je nach erforderlichem Aufwand in zeitlicher Staffelung umgesetzt werden.

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