Alle Farben des Lebens

|
Wechsel: Auf Irene Jung (links), die Leiterin des Filmfestivals FrauenWelten, folgt 2017 Kathrin Frenz (zweite von links). Foto: Jürgen Spiess  Foto: 

Frauenpower und couragierte Heldinnen in einer globalisierten Welt: Für Jede(n) ist noch bis 30. November etwas dabei, wenn das Filmfest FrauenWelten in Tübingen gastiert. Wir sprachen mit Irene Jung, die die Leitung dann an Kathrin Frenz weitergeben wird.

Worin liegen in diesem Jahr die konzeptionellen Schwerpunkte des Frauenfilmfestivals?

Irene Jung: Wir haben dieses Jahr drei Schwerpunktthemen: Im Fokus „Arbeiterinnen“ wird in verschiedenen Filmen deren prekäre Situation in den Blick genommen – von den streikenden Frauen der Solidarnosc in Polen über unterbezahlte Hausmädchen in Mali bis zu Näherinnen in Bangladesch. In „The True Cost“ werden unsere Verantwortung als Konsumenten und die Gründe für Fluchtbewegungen hinterfragt.

Flucht und Migration, ein weiterer Schwerpunkt, wird auch in dem Hip-Hop-Dokumentarfilm „Martha & Niki“ aus Schweden thematisiert, und in „Café Waldluft“ stoßen bayerische Postkarten-Idylle und Kriegsgeschichten aufeinander.

Das Thema sexualisierte Gewalt zieht sich unterschwellig durch viele Filme des diesjährigen Programms. In mehreren Gesprächsrunden kommen zudem Frauen zu Wort, die viel zu wenig in der aktuellen Debatte gehört werden: patriarchatskritische Aktivistinnen aus islamischen Gesellschaften.

Geht es darum, frauenpolitisch Druck zu machen oder künstlerisch hochwertige Filme zu zeigen?

Beides. Wir wollen sowohl Bewusstsein schaffen, als auch zu solidarischem Handeln motivieren. Dazu ist es wichtig, künstlerisch hochwertige Filme zu zeigen, denn gerade denen gelingt es, Gefühle und Verstand anzusprechen und Empathie zu ermöglichen. Das ist die Voraussetzung für solidarisches Handeln.

Welche Filme sollte man auf keinen Fall verpassen und warum?

Sicherlich sind alle Filme, bei denen Filmschaffende und Betroffene zu Gast sind, spannend. Darunter „Vergine Giurata“ mit der Regisseurin Laura Bispuri über eine Tradition in Albanien, bei der junge Mädchen einen Schwur ableisten, ewig Jungfrau zu bleiben und dafür als Mann leben zu können, ohne zwangsverheiratet zu werden.

Des Weiteren „A Good Wife“ mit der serbischen Regisseurin Mirjana Karanovic über eine Frau in Serbien, die sich mit der ihr bis dahin unbekannten Tatsache auseinandersetzen muss, dass ihr Mann ein Kriegsverbrecher ist.

Zu empfehlen sind auch die Filme „Urmila“ und „Hawar“ über das Schicksal der im Irak vom IS versklavten Jesidinnen, zu dem eine ehemalige Gefangene des IS beim Publikumsgespräch anwesend sein wird.

Und nicht zu vergessen der Film „Tanna“, der nicht nur von unserem Thema der arrangierten Ehen und der Selbstbestimmung von Frauen handelt, sondern auch von einer wahren Geschichte, welche das indigene Volk der Yakel im Südpazifik dazu motivierte, ihre Traditionen zu revidieren und Liebesheiraten zuzulassen.

In vielen Filmen geht es um Diskriminierung und Gegenwehr. Ist da überhaupt noch Raum für Witz und leichtfüßige Komödien?

Oh ja, das beste Beispiel ist Jasmila Zbanics „Love Island“, eine leichtfüßige und satirische Komödie über Geschlechterrollen in Ex-Jugoslawien. „Our Mother“ über eine 75-jährige Analphabetin, die ihren elf erwachsenen Kindern eine Liebesgeschichte aus ihrer Vergangenheit vorenthalten hat, und die Spielfilme „Alle Farben des Lebens“, „Home Care“ und „Blanka“ haben ebenfalls witzige und ironische Untertöne zu bieten.

Lohnt es sich auch für Männer, das Frauenfilmfest zu besuchen?

Ich würde sagen, dass Geschlechterrollen Männer und Frauen zugleich betreffen. Männer können durch ein traditionelles Rollenverständnis ebenfalls daran gehindert werden, ihr wirkliches Ich zu leben. Außerdem werden in unseren Filmen viele allgemein-gesellschaftliche Fragen angeschnitten wie die Situation von Flüchtenden, Kriegsverbrechen, ungerechte Verteilung des Reichtums und Ausbeutung. Klar ist, dass die schwierige Situation von Frauen nicht ohne Männer gelöst werden kann. Jürgen Spiess

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Ein erster Schritt zur Marke

Die Achalmstadt will in einen Markenbildungsprozess einsteigen. Für 90 000 Euro wird sie dabei von einem Hamburger Unternehmen begleitet. weiter lesen