Ästhetik stürzender Bauten

Und es hat "bumm" gemacht: Das kunstvolle Buch "Script of Demolition" ist mit seinen weit über 1000 Bildern für Menschen in der Region auch eine Art Heimat- und Erinnerungs-Bildband.

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  • Das Sudhaus der Sigel-Brauerei legten die Finks 1993 mit 15 Kilogramm Ammongelit und Sprengschnüren um. 1/2
    Das Sudhaus der Sigel-Brauerei legten die Finks 1993 mit 15 Kilogramm Ammongelit und Sprengschnüren um. Foto: 
  • Im Internet-Video: Auf spannende und gleichermaßen beeindruckend nüchterne Art und Weise erläutert Konrad Fink sein Handwerk als Sprengmeister, das er vor 60 Jahren begann. 2/2
    Im Internet-Video: Auf spannende und gleichermaßen beeindruckend nüchterne Art und Weise erläutert Konrad Fink sein Handwerk als Sprengmeister, das er vor 60 Jahren begann. Foto: 
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Alles über die Sprengmeister-Familie Fink gibt es nun auf 336 Seiten, mit unzähligen Fotos, viele natürlich in Serie geschossen, Skizzen und statischen Zeichnungen. Die Zeugnisse des explosiven Handwerks sind beeindruckend, zumal in "Script of Demolition" auch Interviews mit den Sprengmeistern zu lesen sind - in Deutsch und in englischer Übersetzung, dabei geht es dann auch um die technischen Details.

"Stillleben mit Sprengladungen", so heißt ein Kapitel, sind in dem nun weltweit erschienenen Bildband der Autorin Alina Schmuch ebenso enthalten wie das Kapitel "Sprengen als Inszenierung", oder die mit schnellen Motorkameras dokumentierte "Zerstörung und Ästhetik". Und natürlich gibt es das destruktive Treiben der Finks längst auch im Internet - so auf Youtube.

Wir erinnern uns: 1993 fiel bei einer spektakulären Sprengung das Sudhaus der Sigel-Brauerei an der Bundesstraße 312 im Pfullinger Süden mit großem Getöse und zielgenau um. Die einstigen Beschäftigten hatten damals Tränen in den Augen. Ganze 15 Kilogramm Ammongelit-Sprengstoff reichten hierfür.

Bereits ein Jahr zuvor hatte das Unternehmen "Fink-Sprengtechnik" einen ganz großen Auftrag an Land gezogen: Das Fernmeldeamt Leipzig musste weichen. Dafür benötigten die Pfullinger dann aber auch 190 Kilogramm Sprengstoff. Geradezu lächerliche 800 Gramm reichten indes 1995 für den alten Sendemasten in Schelklingen aus.

Es ist ein bisschen schwierig in dem Buch zu manövrieren. Denn die reinen Bilderseiten sind nicht paginiert. Doch weil es ein Heidenspaß ist, einfach nur zu schmökern und sich zu erinnern: "Ja, da war doch was!" - und von Explosion zu Explosion zu blättern, ist dieses Manko nicht weiter störend.

Vor allem aber kommen, jeweils ein paar Seiten weiter, die bekannten Sprengungen oft noch einmal, dann aus anderer Perspektive. Rasant schnell arbeitende Motorkameras gibt es seit langem schon, und die Finks haben ihre einstürzenden Bauten selbstverständlich auch auf diese Weise dokumentiert.

Vor zwei Wochen stellte die Fotografin Alina Schmuch das zweisprachige ,,Script of Demolition" des Verlags "Spector Books" im Badischen Kunstverein vor. Es ist ein Gemeinschaftswerk der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe und der Pfullinger Sprengmeisterfamilie.

Die Künstlerin hatte zuvor zusammen mit dem Grafikdesigner Jan Kiesswetter 18 Monate lang das sprengtechnische Fotoarchiv von "Fink-Sprengtechnik" durchforstet.

Und so wurde - nach über 60 Jahren Berufserfahrung - das Fink'sche Schaffen endgültig zur großen Kunst erhoben. Doch wer die Finks kennt, weiß, dass sie diesem Ritterschlag eher mit schwäbisch-scheuer Distanz begegnen. Konrad Fink ist ein Mann, der seine Arbeit vor allem als Handwerk sieht - das von großem Respekt vor den statischen Verhältnissen der Abbruch-Objekte geprägt ist. Und davon erzählt dann auch die ganze Familie, klug, abgeklärt, aber eben auch auf höchst spannende Weise.

Der Fink'schen Zurückhaltung hat Alina Schmuch Rechnung getragen: Auf dem Buchdeckel ist nur eine schlichte, brezelhaft geschwungene Sprengschnur abgebildet. Gleichwohl geht die Autorin natürlich auch der Frage nach, woher diese Faszination für Bilder sprengtechnischer Zerstörung kommt.

Technikfreaks bekommen außerdem Einblicke in die Entwicklung der modernen gewerblichen Sprengtechnik im Laufe der Jahrzehnte sowie in den damit verbundenen Wandel der bildgebenden Medien, vom Achtmillimeter-Film bis zur Highspeed-Kamera. Digitale Kameras würden als Mittel der Beweissicherung gerichtlich weitgehend nicht anerkannt, so Martin Fink. Doch diese Beweise müssen sein. Nicht dass nach der Sprengung ein Nachbar kommt und behauptet, sein Haus habe nun einen Riss - obwohl der schon zuvor da war.

Damit nicht genug: Für das letzte Kapitel machten Sprengmeister und Autorin Ortsbegehungen: Fotografiert wurden Gebäude in der Region, die heute dort stehen, wo die Finks einst deren Vorgänger dem Erdboden gleichgemacht hatten.

Info: ,,Script of Demolition" ist im Verlag Spector Books, Leipzig, verlegt worden. Bestellnummer ISBN 978978-3-944669-28-1. Ein Appetithäppchen findet sich im Internet unter vimeo.com/112378538.

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