Abstieg in Reutlingens Untergrund

Mit der Stadtentwässerung in das Kanalnetz unter Reutlingen "einzutauchen" ist ein besonderes Erlebnis. Mit einer ganz besonderen Geruchs-Note.

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Ja, es stinkt tatsächlich in den Abwasserkanälen unter der Stadt. Nach Fäkalien, modrig, extrem unangenehm. Ob man sich daran gewöhnt? „Wieso Gestank? Hier riecht es doch angenehm – im Vergleich zu einer Biomülltonne“, sagte am Donnerstagvormittag ein Mitarbeiter der Stadtentwässerung Reutlingen (SER) im Untergrund der Kommune. Also alles eine Frage des Blickwinkels, oder? Ja, man gewöhne sich tatsächlich mit der Zeit an die Faulgase in den Kanälen. Dennoch ist vor dem Einstieg der Medienvertreter in die Unterwelt zum besonderen Sommertermin der Stadtverwaltung der begehbare Kanal mit einem Durchmesser von 2,50 auf zwei Meter erst mal entlüftet worden. „Die Gase sind in hoher Konzentration tatsächlich lebensgefährlich“, betonte SER-Chef Arno Valin. Und der Laufsteg, der am Rande der Vertiefung – durch den das Abwasser fließt – entlang führt, wurde zuvor gereinigt. Um die Rutsch- und Unfallgefahr zu minimieren.

„Wir haben einen gefährlichen Beruf“, sagte Jürgen Hörsch dazu. Er ist „Meister für Rohr-, Kanal- und Industrie-Service“ und betont: „Ein großer Posten unserer täglichen Tätigkeit ist die Arbeitssicherheit.“ Wenn im Untergrund Unfälle passieren, dann seien sie zumeist tödlich. Entweder durch die giftigen Gase oder dadurch, dass Mitarbeiter von den Fluten mitgerissen werden. Am Donnerstag jedoch ist das Abwasser nicht mehr als ein stärkeres Rinnsal. „Bei Regen wären wir auch nicht runtergegangen“, erläuterte Valin im Untergrund.

Wenn der Kanal unter der Emil-Adolf-Straße voll ist, dann drücken dort 16 Kubikmeter Wasser in der Sekunde durch. „Das sind 16 Tonnen, ein großer Lkw, was da an Gewicht durchjagt“, betonte Oliver Ruf als Fachgebietsleiter der Reutlinger Stadtentwässerung. Ansonsten sei das gesamt Kanalnetz unter der Stadt aufgebaut wie die oberirdischen Straßenverbindungen – es gebe dort unten genauso Autobahnen, Haupt- und kleine Nebenstraßen, so Valin. Also große, mittlere und ganz kleine Kanäle, die sich zusammen über eine Gesamtlänge von mehr als 600 Kilometern erstrecken. Nur ein kleiner Teil davon ist begehbar, alle anderen Rohre müssen mit einem kleinen Roboter befahren werden, der den Fachleuten dann anzeigt, wo welche Schäden auftreten. „Eigenkontrollverordnung“ heißt das System, das gesetzlich vorschreibt, wie viele Kanäle in welcher Schadensklasse jedes Jahr saniert werden müssen. Die Stadt Reutlingen bringt dafür jährlich rund 1,5 Millionen Euro auf.

So sehr der Geruch in den Kanälen die Nase beleidigen mag: Es sei beileibe keine Selbstverständlichkeit, dass der Verbraucher sein Abwasser in Waschbecken, Badewanne und Toilette verschwinden sieht und es dann geklärt in die Gewässer geleitet werde, so Valin. Das koste viel Aufwand, „und das 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr“. Dafür sei der Job ein absolut krisensicherer – egal, was passiert, das Kanalnetz müsse immer gepflegt, gereinigt, erneuert, instandgehalten werden. Und: „Mindestens 75 Prozent unserer Arbeit können wir über der Erde erledigen“, betonte Hörsch.

Ratten waren da unten im Reich der Abwässer im Übrigen nicht zu sehen. Auch wenn es heißt, dass in einer Kommune ebenso viele Ratten (im Untergrund) leben wie Einwohner – die Schar von mehr als 100 000 Langschwänzen hatte sich offensichtlich in einen anderen Teil des mehr als 600 Kilometer langen Kanalnetzes verzogen.

Stadtentwässerung (SER)

Die SER beschäftigt insgesamt zwölf Fachleute, sie bildet auch aus, hat aber dennoch kein leichtes Spiel im Kampf um den Nachwuchs. Über fünf Fahrzeuge verfügt die SER, je zwei davon sind Spülfahrzeuge (mit 240 Metern Spülschläuchen) und Kamerafahrzeuge (mit 400 Metern Kabel) – mit letzteren werden Aufnahmen von den Kanälen gemacht, die dann ausgewertet und auf Schäden hin kontrolliert werden. Der Wert des Kanalnetzes beträgt laut Arno Valin rund 85 Millionen Euro, der Neuwert der Kanäle belaufe sich auf rund 600 Millionen Euro. Sanierungs-, Instandhaltungs- und Reinigungskosten fallen im Jahr zwischen 4 und 5 Millionen Euro an. Eine vierköpfige Familie bezahlt rund 320 Euro für die jährliche Abwasserentsorgung – pro Person fallen durchschnittlich 40 Kubikmeter Abwasser im Jahr an, bei einem Preis von 2,06 Euro je Kubikmeter. nol

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