Abgefedert in den Ruhestandsmodus

Schneetreiben. Und das pausenlos. Doch Rudolf Heß steht bereit. Den Hut in die Stirn gezogen, den Mantelkragen hochgestellt, will er spazieren gehen in „seiner“ Stadt, deren Oberhaupt er bald nicht mehr ist.

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Ein Rundgang durch Pfullingen, das er in den vergangenen 32 Jahren entscheidend mitgeprägt hat? Der Bitte der Zeitungsredakteurin kommt der Bürgermeister aber so was von gerne nach. Lieber jetzt als gleich würde er losmarschieren. Dass der Schnee sich dick und gefällig auf den Straßen niedergelassen, dass die Kälte Eiszapfen an den Rathausgiebeln geformt hat – das sind für ihn keine Hindernisse. Allein die Journalistin hält ihn noch auf. Mit ihren Fragen, die sie lieber im Trockenen, Warmen stellen möchte. Weil doch hernach beim Spaziergang Stift und Block nass, die Hände gefrieren werden. Das Interview kann beginnen. Mit einer Frage, die so nahe liegend ist – und für den scheidenden Bürgermeister in weiter Ferne scheint.

 

Werden Sie sentimental? Jetzt, so gegen Ende Ihre Amtszeit?

RUDOLF HESS: „Also Sie sehen ja, ich bin noch voll in den Arbeitsprozess eingebunden.“ Das sagt er mit Blick auf die Aktenberge, die sich vor ihm stapeln und mit dem Pflichtbewusstsein eines Schultes vom alten Schlag. „Es gilt jetzt, Vorhaben unumkehrbar zu machen. Dinge, die gereift sind, umzusetzen. So wie das DEZ, dessen Impulse der Handel braucht. Übrigens habe ich selbst an meinem letzten Arbeitstag, dem 13. Januar, abends noch einen Termin. Da werde ich ab 24 Uhr nicht mehr im Amt sein und gegen 20 Uhr noch ein Grußwort bei den Kreishandwerkern sprechen.“

Also nicht sentimental?

HESS: „Na ja. Zum ersten Mal bewusst geworden ist mir das mit dem Abschied nach meiner letzten Haushaltsrede. Da habe ich gedacht: Das heute war deine letzte Gemeinderatssitzung als Bürgermeister. Die spontane Reaktion, die Standing Ovations der Leute danach, hat mich gefreut. Das war ja nicht selbstverständlich.“ Kurzes Nachdenken. „Mir wird nach dem Abschied sicher etwas fehlen. Ich habe meine Arbeit immer gern gemacht.“

Ein Zaudern, vielleicht Wehmut. Es folgt ein kleines Ablenkungsmanöver. Der Bürgermeister fasst sich an den Kopf.

„Heute Mittag war ich im Garten und habe mir an einer Regenrinne den Kopf angehauen.“ Mitfühlend schaut ihn sein Gegenüber an.

Da haben Sie sicher ganz schön geflucht?

HESS: „Innerlich schon. Laut fluche ich natürlich nicht.“ Ein Schmunzeln. „Schließlich bin ich in der Landessynode.“

Stimmt, der Mann ist ja nicht nur Bürgermeister. Er ist ja auch noch im Finanzausschuss der Landessynode. Und der 66-Jährige bleibt auch nach dem 13. Januar noch im Kreistag, im Regionalverband und in allerlei anderen wichtigen Gremien. Er wird also nicht „von 120 auf Null runterfahren“, wie er sagt. Eher wird er „abgefedert“ in den Ruhestandsmodus hinüberwechseln – in dem übrigens auch ein Privatleben eingeplant ist. Mehr Zeit will er haben – „und mehr Zeit geben“. Um die Enkel will er sich kümmern und mit seiner Frau die baltischen Staaten bereisen. Zum VfB will er und zum VfL – und in seinen Garten, obwohl ihm da die Regenrinne ja gerade erst einen herben Schlag auf den Hinterkopf versetzt hat. Der Garten allerdings dürfte für ihn wohl auch eine Art Rückzugsraum werden. Dass seine Frau angesichts des bevorstehenden Ruhestandes ihres Gatten noch nicht in Panik verfallen ist, mag nämlich auch an seiner Ankündigung liegen, ihr in der Küche nicht in die Quere zu kommen. Mittlerweile, während Heß über seine To-Do-Liste philosophiert, kommen ihm erste Bedenken. „Habe ich mir zu viel eingetan? Schaffe ich das alles?“, fragt er seine Interviewpartnerin, die angesichts des Hess’schens Tatendrangs ahnt, dass es jetzt raus geht aus dem Beamtenzimmer – und rein ins Schneegestöber.

Fünf Minuten später. Draußen am Rathausportal schweift der Schultes-Blick über den Marktplatz – und der Mann hat sein erstes Thema. „Noch bis zum Jahr 1983 sind bis zu 25 000 Autos täglich durch die Kirchstraße gefahren. Der Marktplatz war ein Parkplatz.“ Wir sind bei der inzwischen gut drei Jahrzehnte andauernden Innenstadtsanierung angelangt, die sein Amtsvorgänger vorbereitet und gleich mehrere Stadtbaumeister mitgetragen haben. Schaut sich Heß Dias aus den 80er Jahren an, kann er die Veränderung selbst kaum fassen. Die nächste Frage – sie liegt auf der Hand.

Wie hat sich Ihre Sichtweise auf Pfullingen seit Ihrem Amtsantritt verändert?

HESS: „Pfullingen war damals ländlicher geprägt. Jetzt ist es viel städtischer geworden. Und es gibt mehr Lebensqualität. Die Echaz wurde an die Oberfläche geholt, ein Grünzug zieht sich durch ganz Pfullingen.“

Ihr Verdienst?

HESS: „Die Erfolge sind eine gemeinsame Sache. Die Bürgerschaft muss mitmachen – und die Pfullinger wollen Ihre Stadt gestalten.“

Beispiele dafür, was Heß und die Pfullinger in den vergangenen 32 Jahren erfolgreich bewältigt haben, gibt’s zahllose. Die Städtepartnerschaften, die so intensiv gepflegt werden, kommen ihm in den Sinn. Das allerdings nicht von ungefähr – hier am Passy-Platz, der den französischen Freunden gewidmet ist. Keine 50 Meter entfernt: Die winter-ruhende Baustelle fürs Dienstleistungs- und Einkaufszentrum, dem „Impulsgeber schlechthin für die Zukunft der Stadt“.

An diesem Nachmittag sind nicht viel Passanten unterwegs – aber Heß kennt sie alle. Ja, er kennt selbst die Schwäne auf dem Klostersee mit Namen. Fritz und Gerda geht’s offenbar gut. Die Wohnanlage gehört zu den wichtigsten Projekten in Heß’ Amtszeit. Wie der Ursulabergtunnel, der der Innenstadt einen Großteil der Verkehrslast abgenommen hat. Der Bürgermeister eilt weiter, hat die Klosterkirche im Blick. Das „Kleinod“ von internationaler Bedeutung, wie er es gerne nennt. Eines, dem er, kurz vor dem Ruhestand, noch einmal einen zukunftsweisenden Stempel hat aufdrücken können. Gerade erst ist ein Planungswettbewerb gelaufen, dessen Ziel es war, die Fluchttreppe, die der Brandschutz fordert, in eine Konzeption mit Kultursaal zu integrieren. Der Siegerentwurf sorgte im Gemeinderat für Begeisterung. Der Brandschutz, die Anforderungen des Gesetzgebers – das ist der richtige Zeitpunkt, um den Bürgermeister nach dem K-Wort zu fragen. Keine Haushaltsrede, in der er es nicht genannt hat. Kein Heß-Statement zur Landespolitik, in dem es nicht vorkam.

Kann es sein, dass „Konnexitätsprinzip“ Ihr Lieblingswort ist?

HESS: „Mein Lieblingswort ist es nicht. Aber es hat eine sehr zentrale Bedeutung, weil es das Verhältnis zwischen Kommunen und Land beschreibt. Es heißt: Wer bestellt, bezahlt. Das Land bestellt viel, bezahlt aber nicht immer. Als Vizepräsident des Gemeindetages kann ich das nicht oft genug sagen.“

Dem politischen Exkurs folgt der Gang hinüber zum Gymnasium. Eine Abkürzung. Denn eigentlich wollte Heß noch rüber zum Samariterstift. Das Altenwohnhaus, das 1993 fertig gestellt und das als Bundesmodell geadelt wurde. Darauf ist Heß unglaublich stolz. „Ein Bundesmodell – in einer Stadt von Pfullingens Größe“, ruft er der fröstelnden Redakteurin zu, deren zuliebe er nun den kürzeren Weg nimmt.

Nur mit Bedauern „lasse ich die Senioren links liegen“, erklärt er, der um Worte nie verlegen zu sein scheint. Und er setzt noch eins drauf: „Dafür sind wir jetzt im Herzen der Jugend angekommen.“ Gemeint ist das sanierte und erweiterte Friedrich-Schiller-Gymnasium, in das die Stadt mehrere Millionen Euro gesteckt hat. Ähnlich schaut’s mit der Wilhelm-Hauff-Realschule aus, dem nächsten „Programmpunkt“. Mantra-gleich spricht der Bürgermeister immer wieder von 3000 Schülern, die in der Stadt unterrichtet werden, um dann fassungslos am neuen Lehrerzimmer der Realschule stehen zu bleiben.

Dort sollte der Gartenbauer schon längst mehrere Linden gepflanzt haben. Sie sollten noch in Heß’ Amtszeit ihr Wurzelwerk in die Pfullinger Erde strecken können. Und jetzt das! Keine Neuanpflanzung weit und breit. Und das Ende der Ära Heß naht. Wo der Schultes doch um jeden Baum kämpft, der Bauhof ihm gar Rechenschaft ablegen muss, wenn er einen fällen will! Langsam fasst er sich wieder, um, vorm Rathaus angekommen, etwas zu verraten. „Spaziergänge wie heute, die habe ich 1999 öfter gemacht. Damals wurde mir angetragen, mich als Oberbürgermeister in Heidenheim zu bewerben. Immer wieder bin ich durch Pfullingen gegangen und habe es mir angeschaut. Und dann ist mir klar geworden, dass ich hier bleiben will.“

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